Druckschrift 
3 (1891) Poetik (3. Aufl.), Topik (Disputierkunst)
Entstehung
Seite
58
Einzelbild herunterladen
 

Aristoteles, Poetik.

58

ertragen wissen, zeigt er uns ferner, was der Klage wertund was ihrer im Leben unwert ist. So gewöhnt sich derZuhörer und dies ist eine weitere erziehende und läuterndeKraft der Tragödie nach dem Sinne des alten Philosophen,in dessen Erziehungssysteme dierichtige Gewöhnung" eineso große Rolle spielt durch das Anschauen fremden großer:Leides und Unglücks, an dem er mitempfindend in Mitleidund Furcht teilnimmt, das eigene, wenn es ihn treffen sollte,richtig zu würdigen, nicht über Kleines in schwächlichenJammer auszubrechen und gegenüber dem wirklich Schweren,durch die Einsicht in den Zusammenhang desselben mit seinemeigenen Thun, Erleichterung zu suchen und, wo diese Ver-kettung von Ursache und Wirkung für ihn nicht zu entdeckenist, dem allgemeinen Menschenschicksal sich zu unterwerfen,das dem Menschen die Leidensfähigkeit als Bedingung desDaseins stellte und das den am höchsten Stehenden, denMächtigen und Großen, den Glücklichen und Tüchtigsten,wie die tragische Dichtung lehrt, gerade am schwersten trifft.In der letztem Weise finden wir die tröstliche Wirkung derTragödie in Emst und Scherz sehr oft bei den Alten aus-gesprochen. Und wenn ein Zeitgenosse des Aristoteles, dergeistreiche Komödiendichter Ti'mokles, von der Tragödierühmt, daß sie allerdings dem Menschen für seine sittlicheBildung und Erhebungnützlich", und zwarauf angenehmeWeise nützlich bildend sei" was bekanntlich

Platon leugnete wenn er ihr nachrühmt, daß sie zu denBeschwichtigungen der Sorgen" gehöre, welche das

Im Leiden überreiche Wesen, Mensch genannt,

Des Leben so viel Schmerzen mit sich bringt.