Aristoteles, Poetik
der Eindrücke des Mitleids und der Furcht, welche der Zu-hörer durch die Tragödie empfangen hat, gleichsam vonselbst. Es ist die Einsicht in die notwendige Verkettung st.von Ursache und Wirkung im Laufe der tragischen Hand-lung, die Erkenntnis der Schuld im Leiden und Un-glück des tragischen Helden, — dem wir doch unserevolle Teilnahme bewahren, weil wir uns ihm menschlich ver-wandt fühlen — und die aus beiden zusammen in
uns hervorgerufene tröstliche Überzeugung von der ewigenVernünftigkeit und Gerechtigkeit — welche wir zwar nichtimmer in der wirklichen Welt, wohl aber stets in der vondem echten tragischen Dichter dargestellten Welt erkennen, —dies ist es, wodurch die Tragödie, trotzdem daß ihr Inhaltfurchtbar und jammervoll ist, daß er in der Seele des Zu-hörers die Affekte des thränenvollen Mitleids und derschauernden Furcht aufregt, dennoch in demselben schließlicheine eigentümliche Lustempfindung, ein Gefühl der Befriedigunghervorbringt. Dies und nichts anderes ist die Rei-nigung und Läuterung, die Katharsis, welche nach Aristo-teles die schmerzvollen Eindrücke, die wir durch die Tragödie,die sich an unser Mitleid und unsere Furcht wendet, em-pfangen, — durch die Kunst des Dichters empfangen. Siesteht im innigsten Zusammenhänge mit dem schon erwähntenberühmten Satze des Philosophen: daß die Poesie philoso-phischer und gehaltvoller sei, als die geschichtliche Wirklichkeit,d. h. als das wirkliche Leben selbst. Denn nur die Poesie 'gewährt in ihrer höchsten Form, in der Tragödie, was dieWirklichkeit selten oder nie zu leisten vermag: die Erkenntnisund unmittelbare Anschauung der absoluten Vernünftigkeit