Einleitung. Drittes Kapitel.
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Wir sahen, daß Aristoteles sich zunächst gegen dieWahl abstrakt idealer Charaktere als tragischer Helden er-klärte und zwar aus demselben Grunde erklärte, aus demLessing die durchaus schuldlosen, absolut tugendhaften Heldendes spezifisch christlichen Trauerspiels verwarf. Dies istdirekt gegen Platon gerichtet, der eigentlich von seinem Stand-punkte aus der Tragödie „nur als einer Darstellung großer,erhaben leidenschaftsloser, vom Unglück, das ja für sie niemalsein wahres Unglück ist, nicht zu erschütternder CharaktereGerechtigkeit widerfahren lassen konnte" ^ und der sich alsodurchaus ans dem von Lessing bekämpften Standpunkte deschristlichen Trauerspiels mit seinen makellosen Helden befand,welche, über die Menschlichkeit erhaben, den Menschen würdigeVorbilder des Handelns und Leidens sein sollten.
Aristoteles dagegen stellt sich mit seiner Theorie derTragödie ans den rein menschlichen Standpunkt. Nach ihmsoll freilich die Tragödie ein Abbild der Menschheit in ihrererhabenen und edleren Gestaltung geben, aber doch immerein lebenswahres, menschliches Abbild, das uns in denhandelnden und leidenden, irrenden und büßenden Heldenstets Menschen vorführt, Menschen, denen wir uns ver-wandt und ähnlich fühlen, mit denen wir Mitgefühl, fürdie wir Furcht empfinden können, weil wir selbst uns be-wußt sind, daß ihre Fehler auch von uns begangen werden,ihre Leiden auch uns treffen können. Darum stellt es
Aristoteles als eine Hauptforderung hin: daß in der Tra-
32. Bergt. Müller, Geschichte der Theorie der Kunst bei denMen, T. I, S. 103.