Einleitung. Drittes Kapitel.
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nicht — am wenigsten im antiken Sinne — abstrahierenvon der sittlichen Wirkung auf den Zuschauer und Zuhörer,kann es um so weniger, als das ganze Altertum überwiegendden Dichter als Lehrer der Sittlichkeit angesehen hat. Schonin dieser unwidersprechlichen Thatsache^ ist, abgesehen vonallen anderen zwingenden Gründen, die Auffassung der tra-gischen Katharsis, der Wirkung der Tragödie als einer sitt-lichen gegeben, zumal da Aristoteles in der Poetik als einVerteidiger der Tragödie gegen Platon auftritt. Für jeneThatsache selbst, für die Ansicht des Altertums von demBerufe des wahren Dichters, ein Lehrer und Bildner seinesVolks zur Sittlichkeit zu sein, genügt es, auf die Ausführungenzu verweisen, welche in den zuvor augeführten Schriftengegeben sind. Hier will ich nur noch ein dort übergangenesZeugnis eines alten Schriftstellers nachtragen, das um somehr ins Gewicht fällt, als es ein Peripate'tiker der späterenZeit ist, welcher den alten Kampf zwischen den Plato'nikernund Aristote'likern wieder ausnimmt. Der griechische GeographStra'bon, welcher unter Augustus lebte, kritisiert in dem erstenBuche seines großen grundlegenden Werkes einen Ausspruchseines Vorgängers Erato'sthenes, den er freilich als Philo-sophen sehr niedrig stellt, indem er ihn „ein Mittelding"nennt „zwischen einem, der philosophieren möchte, und einem,der es doch nicht wage, sich dieser Beschäftigung ganz hin-zugeben".^ Erato'sthenes hatte den Ausspruch gethan: „alle
17. Vergl. Stahr, Aristoteles und die Wirkung der Tragödie, S.56—60; Spengel, a. a. O., S. 46—49; August Böckh, Sophokles'Antigone, S. 261.
18. Strabo I, Kap. 2, § 2. Vergl. 1, 1, § 11.