Einleitung. Drittes Kapitel.
35
gewisse Art von Musik zu teil wird, vergleichungsweise 1°eine Kur nennt, so ist dies Gleichnis eben kein anderes, alsdasjenige, welches Goethe anwendete, wenn er seine Werther-dichtung, wie überhaupt fast alle seine Dichtungen, als Her-stellungs- und Erleichterungsmittel, als sittliche „Hausmittel",bezeichnen." In dieser Herstellung aus einem krankhaftenund getrübten Seelenzustande zu derjenigen geistigen Gesund-heit, deren der Mensch zur Ausübung der Werke der Tugendunumgänglich bedarf, besteht nach Aristoteles die hauptsächlicherziehende und bildende Kraft der Musik. Die Musik kannund soll nach Aristoteles bessernd und bildend auf Geist undGemüt einwirken, und sie ist eben dadurch ein so wichtigesBildungs- und Erziehungsmittel, weil sie ergreifender undlebendiger als die bildende Kunst naturähnliche Darstellungender Affekte und der geistigen und sittlichen Tüchtigkeits-cigenschaften (der und der zu geben vermag undweil es nur der richtigen Gewöhnung bedarf, um durchsie den Menschen in seinem Innersten zu ergreifen und zuwecken". Ans diese frühe Gewöhnung des Menschen an dierichtige Beurteilung und Handhabung aller Affekte: Freude,Liebe, Haß, Mitleid, Trauer u. s. s. legt daher Aristoteleseinen Hauptnachdruck in seiner musikalischen Erziehungslehre.Der Mensch soll lernen, in seinem Empfinden über das
10. Spengel (S. 20) hat gezeigt, daß in den Worten (Aristoteles,
Politik, VIII, 7, 5): ü>?neg ru/ovr«; sxals das x«l ge-
strichen werden muß.
11. Goethe, Werke, T. 26, S. 227.
12. Spengel, a. a. O., S. 23.
3*