22
Aristoteles, Poetik.
sprach und die Hellenen von den Schöpfungen ihrer großenDichter und Künstler hinweg und über dieselben hinaus ansdas „Kunstwerk der Zukunst" verwies, wie er es in sich zutragen wähnte, erhob sich nun sein großer Schüler Aristoteles,der, wie überall in seinem Philosophieren, so auch in seinerAnschauung der Kunst stets das Ganze der lebendigen Wirklich-keit und des wahren Daseins zur Grundlage machte. Indemer den Grundirrtnm Platons in dessen Ansicht von der Naturund dem Wesen des Begriffes der Mimesis nachwies, —eines Begriffes, den auch er an die Spitze seiner Theoriestellte, — warf er alle von der Platonischen Ästhetik gegen dieKunst erhobenen Anklagen über den Haufen und stellte zuerstdie Würde und den Wert der Kunst für alle Zeiten fest aufder Grundlage des philosophischen Gedankens. Hatte Platones der Kunst vorgeworfen, daß sie nur Mimesis der Wirklich-keit, nur geistige „Nachahmung" der wirklichen Dinge sei:so führte Aristoteles dagegen aus, daß und warum die Kunstgerade deshalb höher stehe als die Wirklichkeit. Hatte jenerdie Tragödie eine Verderberin des sittlichen Charaktersgenannt, weil sie die Menschen durch die Erregung der Lustan Jammer und Leid verweichliche, so stellte Aristoteles da-gegen der Tragödie vielmehr die große sittliche Ausgabe, dieseEmpfindungen in der menschlichen Brust zn läutern undauf ihr richtiges Maß zurückzuführen, den Menschen durchEinsicht in die wahren bestimmten Mächte seines Schicksalszu beruhigen und zu erheben. Hatte endlich Platon denschönen Schein gegen die Realität, das Kunstwerk gegen dieWirklichkeit zurückgesetzt, so sprach dagegen Aristoteles dieerhabene Wahrheit aus: daß die Dichtung gehaltvoller und