?0 Aristoteles, Poetik.
mit seiner Jdeeenlehre in gröberem Widerspruch, als wenner so den Schein verkennt.
Durch diese seine falsche Auffassung des Begriffs derkünstlerischen Mimefis wird es nun zugleich erklärt, wiePlaton dazu kommen mußte, die ganze Kunst nur in soweit gelten zu lassen, als sie sich in den Dienst des sittlichenIdeals zu begeben und nur dieses nachahmend auszudrückenund nachzubilden habe, wenn sie in seinem Jdealstaate geduldetsein wollte. Sobald sie dies versäume, sei sie für gefährlichund schädlich zu halten. So die Tragödie, weil sie dieLust zu Klage und Jammer im Menschen nähre, die Komödie,weil sie das Gegenteil davon, den leichtsinnig spottendenÜbermut, in uns befördere. Die erstere statuiert er alsohöchstens, wenn sie, wie das spezifisch christliche Trauerspielzwei Jahrtausende später unternahm, vollkommene sittlicheReinheit und übermenschliche Erhabenheit des Helden imLeiden aufzeige, die letztere, wenn sie sich darauf beschränke,in moralischer Tendenz das Unwürdige, Verkehrte und Lächer-liche warnend und belehrend darzustellen.
Also Platon, der doktrinäre Idealist, der in allemBestehenden nirgends das entsprechende Abbild der Idee zufinden vermochte, die er von Staat und Staatsleben, vonPoesie und Kunst in sich trug, dieser radikalste Idealist, dendie Geschichte der Menschheit kennt, der im vollen Glaubenvon der Überzeugung ausging, daß es möglich sein müsse,vom Standpunkte des Idealismus aus die wirkliche Weltumzugestalten, scheute in seiner Kühnheit keine Konsequenzseiner Weltanschauung: nicht die Notwendigkeit einer staats-polizeilichen Zensur des Ästhetischen, nicht den Widerspruch