275
sei nicht Mensch, so daß auch die Behauptung, der Mensch sei einPserd, wahr sein müßte; denn es war ja die Voraussetzung, daß dieentgegengesetzten Behauptungen beide wahr seien. Damit kämen wiraus den Satz, Einer und derselbe sei Mensch und Pserd oder sonst einThier. Solchen Behauptungen gegenüber gibt es nun wohl einen Be-weis, während es sonst in solchen Punkten keinen eigentlichen BeweisgibtHätte man aus diese Weise den Heraklit interpellirt, so würdeman vielleicht selbst ihn zu dem Geständniß genöthigt haben, daß dieentgegengesetzten Behauptungen in Beziehung auf eins und dasselbeniemals zugleich wahr sein können; nun aber hat er den Sinn seinesSatzes selbst nicht recht verstanden und ist so auf seine Meinung ge-kommen. Ueberhaupt, wenn der Satz Heraklits richtig ist, so würdesich daraus ergeben, daß gerade dieser Satz nicht richtig wäre, ichmeine die Behauptung, eins und dasselbe könne zu einer und derselbenZeit sein und nicht sein. Denn wie bei einer Trennung beider Bestim-mungen 2) die Verneinung eben so wahr ist, als die Bejahung, ebensomuß, wenn man beides zusammennimmt und verbunden als eineeinzige Behauptung faßt, die Verneinung gerade so richtig sein, wiedie Bejahung in Beziehung auf das Ganze. Nun aber, wenn über-haupt keine wahre Behauptung mehr möglich ist, so wäre auch dieseBehauptung selber unwahr, daß keine wahre Behauptung möglich sei.Gibt es aber eine wahre Behauptung, so wird sich das Gerede der-jenigen erledigen, welche dergleichen Einwürfe Vorbringen und denAustausch der Rede ganz unmöglich machen.
Sechstes Kapitels.
lieber den Satz des Widerspruchs und des ausgeschlossenen Dritten.
Mit der eben angeführten Behauptung verwandt ist der vonProtagoras aufgestellte Satz, welcher lautet: das Maß aller Dinge seider Mensch, womit er nichts Anderes sagt, als: was jedem Einzelnenscheine, das sei auch in Wirklichkeit so. Hiemit kommen wir denn aus
>) Weil es Axiome sind.
2) Von Sein und Nichtsein,
3) Vgl. IV, S—S.
18 *