Druckschrift 
6 (1891) Große Ethik [u.a.] Metaphysik
Entstehung
Seite
100
Einzelbild herunterladen
 

100

bei der Entscheidung darüber, was wahr sei, handelt es sich nach ihrerMeinung nicht um die größere oder geringere Zahl der Stimmen,dasselbe scheine eben den Einen süß zu sein, den Anderen bitter ');wenn daher alle krank oder verrückt wären, mit Ausnahme von Zweienoder Dreien, welche gesund und bei gutem Verstand wären, so würdendie letzteren für krank und verrückt gelten, die andern aber nicht.Ferner sei es Thatsache, daß vielen anderen Geschöpfen eben dieselbenDinge ganz anders Vorkommen als uns, ja einer und derselbe Menschfasse nach der Seite der sinnlichen Wahrnehmung denselben Gegenstandnicht immer in derselben Weise auf. Man könne also nicht wissen,was davon wahr und was falsch sei, denn das eine sei um nichts mehrwahr als das andere, vielmehr alles habe gleiches Recht. Daher sagtdenn auch Demokrit: entweder sei nichts wahr oder wir wissen jeden-falls nichts darüber 2). Ueberhaupt aber identisiziren sie Denken undsinnliche Wahrnehmung, und da nun die letztere stete Veränderung ist,so ist nach ihrer Auffassung dasjenige wahr, was nach der sinnlichenWahrnehmung so oder so scheint; dieß ist die Grundanschauung, vonwelcher aus Empedokles, Demokrit und eigentlich alle andern in solcheirrthümliche Vorstellungen hineingerathen sind. Empedokles läßtja mit dem Wechsel des äußeren Zustandes auch einen Wechsel desDenkens vor sich gehen, wenn er sagt:

Je nachdem der Mensch sich befindet, so mehrt sich das Denken."

Anderswo heißt es:

Je nachdem das natürliche Wesen sich wandelte, stellte

Stets sich ein der Gedanken Vcrwandelung."

Und Parmenides^) äußert sich in demselben Sinn wenn er sagt:

Und sei demgemäß auch beides zugleich.

2) Darüber, daß dis Lehre Demokrits nicht ganz mit den Schlüssen zusammen-stimmt, welche Aristoteles daraus zieht, s. Zeller, gricch. Phil. I, 7 40 sf.

S) Bei Empedokles richtet sich die Beschaffenheit des Denkens allerdings nachder jeweiligen Beschaffenheit des Körpers; aber unberechtigt ist der Schluß desAristoteles, daß er deßhalb die sinnliche Wahrnehmung mit dem Denken identi-fizire und die Wahrheit in der ersteren gesucht habe. S. Zeller, griech. Philosophiel, KS0 ff.

S) Bei ParmenideS ist die geistige Thätigkeit davon abhängig, ob das warme«der kalte Element im Körper überwiegt. Den Grund des Lebens und der Ber-