18
Aristoteles, Politik.
Gebäuden gehörten aber die Tempel der Götter, und unter diesenwar wieder der Tempel der schützenden Landesgottheit der schönste.Gewöhnlich stand er auf einem höher gelegenen und, weiler nicht selten auch den Staatsschatz barg, auf einem befestigtenoder leicht zu befestigenden Orte. Immer aber war er durcheine Mauerumfriedigung eingehegt, und aus der Mitte diesesheiligen, schon an sich seine hohe Bestimmung kundgebendenRaumes ragte er nicht auf dem gemeinen Boden, sondern aufeinem ihn von demselben absondernden, dreifach abgestuften, mar-mornen Unterbau, mit seinem Adlerdach über die Stadt hinaus.Zn keiner griechischen Stadt hat ein solcher Tempel gefehlt, undwie wohl zur Genüge bekannt, ist der griechische Tempel dasschönste, was Menschenhände geschaffen haben. Er ist überallnicht das Versammlungshaus der andächtigen Gemeinde, sonderndas Wohnhaus des Gottes, dessen Bild er in seinem Kerne, der
Ce'lla, enthält, und dessen heilige Schätze und Weihgeschenke in
ihm aufbewahrt werden. Dieser Gott ist ein Gott der Freude
und des Lichts, und darum öffnet sich die Vorhalle zu Licht und
Luft, und rings herum läuft ein Gang von feierlich und ruhigemporstrebenden Säulen, über welchen sich das Gebälk der Deckeund zuletzt das befriedigend schwebende, nach beiden Seiten seineFlügel herabsenkende Dach lagert. Der Altar, auf welchem demGotte geopfert wird, steht nicht im Tempel, sondern im Freien;denn der Rauch muß frei zum Himmel emporsteigen, sowie dennauch der Grieche, wenn er betet, den Blick nicht wie der Römerzur Erde, sondern zum Himmel emporrichtet. Der ganze Bausprach aber vornehmlich dies aus, daß er der Wohnsitz des Gottessei, und die Rücksichtnahme auf die praktischen Kultusbedürfnissedurfte diesen Haupteindruck nicht schwächen, sowie denn auch allebaulichen Erweiterungen und Veränderungen immer nur in demSinne getroffen wurden, ein Wohnhaus des Gottes herzustellen.Wenn daher der Apostel Paulus den Bürgern der mit prächtigenTempeln geschmückten Stadt Korinth wiederholt erklärte, daß sieselbst der Tempel des lebendigen Gottes zu sein hätten und daß