Einmarsch der königlichen Truppen in Berlin.
81
Held in scincm: „Deutschlands Lehrjahre" bemerkt — fand sich dieNationnl-Vcrsammlung zeitlich Morgens in ernster Stimmung im Sitznngs-gebäudc ein. Der Tagesordnung nach wurde die Berathung über dieGrundrechte fortgesetzt; doch die Gedanken waren wo anders. Man wußtedaß die Truppen cinrückcn würden. In der Stadt herrschte unbeschreib-liche Spannung; das Gerücht lief umher, der König habe befohlen dieNational-Versammlung mit Gewalt zu sprengen; „gut", sagten die Andern,„er spielt seinen letzten Trumpf ans, wir wollen sehen wer gewinnt".Die Führer der demokratischen Scctioncn saßen im Rathskcllcr, dieHäuptlinge des Frei-Corps Braß im Elnbhans, die Maschinenbauerin der Gartenstraßc bei Windcck, der demokratische Central-Ansschuß imHotel Mhlius, die radicalc Fraction der Studenten in der Aula. Manmachte Miene, als ob man zum äußersten entschlössen wäre. Man wollteim entscheidenden Augenblick alle öffentlichen Lassen in Beschlag nehmen.Es wurde eine Liste von „Reaktionären" entworfen, deren man sich sogleichzu versichern hätte; alle in Berlin anwesenden Mitglieder des königlichenHauses sollten aufgehoben und ans die Aula gebracht werden, dasselbemit Wrangcl geschehen, „wenn man ihn bekäme". Da mit eincmmal wurdebekannt, Präsident von Unruh habe in der National-Bcrsammlung dasLosungswort gegeben: „Passiver Widerstand in allen seinenConscqn cnz en"'6) — und mit allen extremen Plänen hatte es einEnde zum großen Tröste der Meisten, die großsprecherisch daran mitgc-arbeitct hatten.
Um 2 Uhr Nachmittag führte Wrangcl seine Truppen, 13000 Mannmit 60 Geschützen, von fünf Seiten in die Stadt. Auf den Gesichternnicht weniger Officierc malte sich eine mit Besorgniß kämpfende Ver-wunderung, als sich von dem Widerstande, auf den sic vorbereitet waren,nirgends etwas zeigte. Das Volk schien eher an der türkischen Musik,„die man so lang nicht gehört hatte", sich zu erfreuen, und es fehltewenig, wie der Demokrat Held versichert, so hätte man die Soldatenmit Jubel begrüßt. Ein Theil der Truppen marschirte auf dem Gcns-darnicnplatz auf; die Bürgerwehr zog sich gegen das Schauspielhauszurück und besetzte dessen Zugänge; ein paar tausend Menschen, unbe-waffnet und nur von Neugierde getrieben, bewegten sich auf dem Platzehin und her. Rimpler trat auf den zu Pferde sitzenden Wrangel zu underklärte, die Bürgerwehr, znm Schutze der Volksvertretung berufen,werde ihren Posten nicht verlassen, und müßte sie acht Tage bleiben.
6