78
I. 9. November-Katastrophe iu Berlin.
sichten und die Wunsche des Volkes im Entlang stehen." Gleichzeitigwurde der Vorschlag des Commandenrs der Bürgcrwehr angenommen,eine Ehrenwache vor dem Hanse zu halten und derselben den Schutz derVersammlung nnznvertrauen.
Die Deputation, vom Präsidenten ans allen Thcilen des Hausesgewühlt, begab sich noch am selben Abend nach Potsdam, und von danach Sanssouci. Erst wollte sie der König gar nicht vorlassen; „erfinde cs unverträglich mit dem konstitutionellen Princip, das er bis indie kleinsten Details aufrecht zu halten wünsche, Deputationen außerBeisein der verantwortlichen Minister zu empfangen." Da indessen vonBerlin eine Depesche kam, worin die (abtrctenden) Minister baten derDeputation Audienz zu geben, ließ sic der König am andern Tage vor,hörte die Adresse schweigend an, faltete sic zusammen und gab das Zei-chen zum Abschiede, als einer der Depntirten, U>r. Jacoby aus Königs-berg, vortrat und sagte: „Euer Majestät, wir sind nicht bloß hierhergekommen, die Adresse zu überreichen, sondern auch Sie von der Lagedes Landes in Kcnntniß zu setzen. Wollen Euer Majestät uns nichtGehör schenken?" „„Nein"", antwortete der König, und befand sich be-reits unter der Thüre in das anstoßende Zimmer, als ihm jener, vorlautund tactlos, nachrief: „Das ist eben das Unglück der Könige, daß siedie Wahrheit nicht hören wollen!" ") Die Deputation kehrte nachBerlin zurück, wo am 3. Nachmittags eine von Eichmann gegengezeich-nete königliche Botschaft cintraf, deren Sinn dahin ging, „Se. Majestätkönne sich durch die in der Adresse ohne nähere Begründung angedentetcnMnthmaßnngcn und Besorgnisse nicht bewogen finden, den in Folgewohlerwogener Entschließung dem Grafen Brandenburg crthcilten Auftragzurückzunehmen." Die Versuche des Präsidenten der Nativnal-Versamm-lung, eine Audienz „sei cs auch nur als Privatmann" beim Könige zuerhalten, schlugen fehl; nur vom Grafen Brandenburg wurde v. Unruhempfangen, dem er begreiflich zu machen strebte, daß Brandenburg vonvornherein das constitntionclle Princip verletze, wenn er „dem politischenMißtrauen der ganzen Versammlung gegenüber" ein Ministerium bildenwolle. Brandenburg war nicht der Mann, der es in constitutioncllenErörterungen und Unterscheidungen mit Unruh anfnehmcn konnte; erwar eine schlichte Soldatennatur, deren letztes Argument lautete: „Dasist eine königliche Botschaft, daher über allen Zweifel erhaben!"
Am 8. November war das neue Ministerium gebildet: Graf Bran-