II
minder ausführliche Darstellung jenes Verlaufes geliefert hätten.So wird denn auch dereinst ein österreichischer Montesquieu denCharakter des Regierungsantrittes und der ersten Regie-rungszeit Kaiser Franz Joseph I., wenn auch nicht „in zweiZeilen", aber vielleicht auf zwei Blättern abthun können; alleingewiß mit einiger Sicherheit erst dann, wenn zuvor von andernSeiten die Geschichte dieser ereignisreichen Zeit in gründlicheingehender Weise behandelt worden sein wird.
Doch selbst die Ausführlichkeit in der Geschichtschreibung hatihre Grade. Wein es bloß darum zu thnn wäre, durch Schilderungspannender Verwicklungen und Lösungen, überraschender Katastrophenund Wechselfälle, durch Vorführung interessanter Persönlichkeiten,eigenartiger Charaktere die Aufmerksamkeit des Lesers anzuziehenund zu fesseln, der könnte nichts passenderes thnn als sich ohneweitere Vorarbeit in die Darstellung einer Zeit zu stürzen, die,man mag die Fülle der darin sich drängenden Ereignisse oder dieKette der daran sich knüpfenden Folgen in Betracht ziehen, ohneFrage zu den interessantesten Perioden der Geschichte Österreichsgehört. Allein würde sich bei solcher Behandlnngsweise auch dasgehörige Verständnis; erzielen lassen? Würde der Leser die volleEinsicht in die überaus mannigfachen und in vielfältigster Weisein einander greifenden Momente erlangen, durch deren Zusammen-wirken bestimmte Zustände geschaffen, Ereignisse herbeigeführt,Charaktere entwickelt wurden?
Die Geschichte des heutigen Österreich, jenes Österreich das sichnoch immer nicht an: Ende seines innern Gährungs-Proccsses befindet,dessen Neugestaltung noch immer nicht in das Stadium ruhigerdie Bürgschaften gesicherten Bestandes mit sich führender Regel-mäßigkeit treten konnte, knüpft nicht an den Beginn der Revo-lution des Jahres 1848, sondern an deren Abschluß an. Wasder ersteren Periode angehört, kann heute höchstens durch daswas durch sie abgethan, nicht aber durch das was in ihr geschas-