Druckschrift 
1 (1869) Die Belagerung und Einnahme Wiens October 1848
Entstehung
Seite
335
Einzelbild herunterladen
 

Verhandlungen in der Paulskirche, 30. October.

335

Uns der Menge hörte man Flüche, Verwünschungen, Rufe:Zu denWaffen!" Einer der Fackelträger schlug mit seiner brennenden Fackelgegen die Bürgerwehrmänner; Schwärmer wurden in ihre Reihengeschleudert, Steine aus sie geworfen. Es drohte ein allgemeinesGemetzel zu werden, wenn sich nicht die Besonnenen auf beiden Seitenin das Mittel legten. Die Abgeordneten befanden sich noch immerim Hause. Mitglieder der Rechten verlangten, daß die Sitzung fort-gesetzt werde; doch v. Unruh erklärte sie für geschlossen. Endlichgegen eilf Uhr Nachts gelang es der Bürgerwehr, von der Charlotten-gasse aus so viel Raum zu schaffen, daß sich die Deputaten durcheine schmale Gasse fortbewegen konnten. Doch gelang es nur mitMühe durchzukommen; selbst solche aus der Bürgerwehr, die es gutmeinten, wagten nicht für die Abgeordneten, namentlich für jene derRechten, offen einzutreten. Aus dem Haufen rief es:Aufgepaßt!Laßt keinen Deputaten durch!" Sie mußten sich einzeln schnell inder Menge verlieren, um ungekannt davon zu kommen. Diesem ge-lang es durch List, jenem durch Hilfeleistung eines Freundes, demdritten durch Zufall, sich durch die drohende Masse mit heiler Hautdnrchzuwinden. Doch wurden einige aufgehalten und kamen nicht ohneargen Unglimpf davon. Der Ministerpräsident Graf Pfuel nahm denSchutz des Abgeordneten Jung von der äußersten Linken an, in dessenWohnung er angstvoll den Abend verbrachte^" >>).

Mit dem Anträge Rodbertus war wenig mehr gemeint, als wasinan seitens der deutschen Central-Gewalt durch die Absendung derbeiden Neichs-Commissäre und die Instructionen Schmerling's ohnehinin's Werk gesetzt hatte: die Ausrechthaltung der freien Institutionenund den Fortbestand des Reichstages in Schutz zu nehmen. InFrankfurt befanden sich seit einigen Tagen jene Abgesandten, die imNamen des Wiener Gemeinderathes den Erzherzog-Reichsverweserum Vermittlung anrufen sollten. Nach den ungeschminkten Schilde-rungen jedoch, die sie über die in ihrer Stadt waltenden Zustände,über den Ursprung des Aufstandes, das ungarische Geld, die Ueber-griffe des Pöbels, die herrschende Unordnung und Gesetzlosigkeitmachten, konnte sich das Reichs-Ministerium nicht bewogen fühlen,mehr für Wien zu thun, als es schon gethan hatte. Derselben An-sicht war die Mehrheit der National-Versammlung, wo die preußischenAbgeordneten um ihrer eigenen Hauptstadt willen nicht wünschen