Z14 HI. 23. Das Schicksal Wiens und die mitteleuropäische Revolution.
kaum wußte, ob das Kreisamt oder die Rada uarodowa die eigent-liche Behörde sei. Die Rada xentralna schrieb Abgaben aus, undso schwer manchem Gutsbesitzer bei den schlechten Zeiten die pünkt-liche Abfuhr der kaiserlichen Steuern fiel, gegen die nationale Be-lastung durfte er sich nicht strauben, wollte er nicht als „Landesver-räther" erklärt und der öffentlichen Rache preisgegeben werden. DerLemberger Bürgerausschuß bestand lange nicht mehr aus den beson-nenen Männern, die ihn unter Stadion gebildet hatten; neue Wahlen,wobei Umtriebe aller Art im Spiele waren, hatten die drängendstenFanatiker in seinen Schvoß gebracht, aus welchem ein „Sicherheits-ausschuß", aus eilf Mitgliedern bestehend, zu deni vorgeschützten Zweckehervorging, Ordnung und Ruhe aufrecht zu erhalten. Alle Schrittedieser Organe waren darauf berechnet, das Werk der „Befreiung"vorzubereitcn, Anstalten für die kommende Stunde des Losbruchs zutreffen. Für's erste sollte alles polnisch werden, die polnische Sprachebei Amt und Gericht zur unbestrittenen Herrschaft gelangen; alledurch die öffentliche Meinung gebrandmarkten d. h. alle nicht pol-nisch gesinnten Beamten sollten unverzüglich entfernt werden. AufAndringen der extremen Partei kann es zur Bildung eines Landes-schnlraths, dem ausdrücklich zur Aufgabe gestellt war, „in allen Schul-anstalten die Nationalsprache einznführen und hierin dem HerrnLandes-Gouverneur zur Unterstützung zu dienen". Jeder Schritt derNuthenen, auch für ihre Nationalität Anerkennung zu erlangen,wurde als Auflehnung bezeichnet, das ruthenische Volk aufgestacheltseiner Geistlichkeit den Gehorsam zu versagen. Die Nationalgarde,ausschließlich unter polnischem Commando, wurde weit über dieGrünzen ausgedehnt, die ihr das provisorische Statut vom 8. Aprilgezogen hatte. Auf dem Lande gehörten zu einer Abtheilung oft Leuteaus einem Umkreise von vielen Stunden; einzelne Edelhöfe hatten,wie in den Zeiten des Mittelatters, ihre förmliche Besatzung, derJunker an der Spitze, seine bewaffneten Beamten, Köche, Dienerunter ihm. In den Städten wurden Gesellen, Lehrjungen, Bediente,Prätzelbuben angeworben; unterschiedliche Diebstähle, die einzelnenGliedern der Bürgerwehr zur Last sielen, kennzeichneten hinreichendihren Charakter. Ebenso fanden in der akademischen Legion aller-hand anrüchige Subjecte, weggejagte Mandatare u. dgl. Aufnahme;bei zweihundert Ausreißer aus Russisch-Polen standen in ihren Reihen.