312 III. 23, Das Schicksal Wiens und die mitteleuropäische Revolution.
Einübung in Waffen wieder über das ganze Land. Dieser militä-rischen Organisation ging eine civile zu Seite, die sich gleichfalls überdas ganze Land verzweigte. Auf den Vorschlag des JournalistenJohann Dobrzaüski war schon im März ein Nationalrath (rrräuliaroämva) gewählt worden, was von den Kreisstädten und bald auchvon kleineren Orten nachgeahmt wurde, so daß es in manchem Kreisezwölf dis fünfzehn solcher Nationalräthe gab, die alle unter sich undmit dem Lemberger Hauptrathe (nncla. naroclorvrr oontnnlnn) in un-ausgesetztem Verkehr standen.
Die nationalen Bestrebungen der galizischen Polen waren vonAnfang keineswegs antidynastisch. Stand ihnen gleich die Wieder-herstellung ihres Vaterlandes innerhalb der Gränzen von 1772 alsletztes Ziel vor Augen, so sahen die Besonneneren doch ein, daß sichdasselbe nicht mit einemmal erreichen lasse und daß es unklug wäre,sich statt eines Gegners zwei zu schaffen. Ferdinand I. sollte denTitel eines Königs von Polen annehmen, die innere Verwaltung freigeben und auf polnischen Fuß stellen, allgenieine Bewaffnung zurAufrechthaltnng der Ordnung im Lande „und gegen den Feind despolnischen Namens, den Kaiser von Rußland", bewilligen. Die„Polen im Frack", wie man sie später im Wiener Reichstage nannte,hatten um so mehr Ursache, mit ihren ersten Forderungen bescheidenaufzutreten, als ihnen im eigenen Lande zwei bedeutende Elementeim Wege standen. Gleich nach den Märztagen hatten nicht wenigeGutsbesitzer versucht, die Landbevölkerung durch Schenkung der Robotzu ködern. Doch die Lockung verfing nicht. Die Bauern lehnten dasAnerbieten geradezu ab; so etwas könne nur der Kaiser thun, meintensie. Mit den nationalen Bestrebungen wollten die Bauern nichts zuschaffen haben. „Wir sind keine Polen", sagten sie, „»sondernAustriaken. Wir wissen nichts von einem König von Polen, wirkennen nur einen Kaiser von Oesterreich. Eure Farben sind nichtdie unfern; die unfern sind schwarz und gelb." Das Patent vomI I. April, das die Aufhebung aller unterthänigen Lasten aussprach,knüpfte die Landbevölkerung nur noch fester an die kaiserliche Sache.Die ruthenischen Gemeinden faßten den Beschluß, den 1i). Mai fürewige Zeiten als einen Festtag zu begehen; die polnischen Bauernbefolgten ihr Beispiel und allenthalben erhoben sich im Lande Kreuzezur dankbaren Erinnerung an die größte Wvhlthat, die sie seit Kaiser