Druckschrift 
1 (1869) Die Belagerung und Einnahme Wiens October 1848
Entstehung
Seite
274
Einzelbild herunterladen
 

274 H> 1'"- Einnahme der Landstraße nnd Leopoldstadt, 28. Oetobcr.

bis fünfmal in dieser Nacht voll Entsetzen heinigesucht denn dasWüthcn dauerte von Samstag Nachmittag bis zum Sonntagmorgen, bis ein letzter Hansen, in seinem Acrger nichts mehr zu finden, denrothen Hahn auf's Dach setzte und allem, was noch im Hause war, ineiner Hellen Flammenlohe ein Ende machte. Mitunter gingen sie vonZimmer zu Zimmer, rissen die Strohsäcke aus den Betten, legten sieans den Fußboden und zündeten sie an, so daß in einem Nu ansallen Oeffnnngen des Gebäudes die Flammen herausschlugen. Oftmußten die Hausleute selbst den Brennstoff zusammentragen und dieKerze herbeischaffen, womit ihr Eigen dem Feuer preisgegeben wurde.Jene Häuser, die der Brandlegung entgingen, waren so vollständigausgeraubt oder verwüstet, daß den Bewohnern kaum etwas blieb,als die Kleider, die sie am Leibe trugen. In einem Hause am Hunds-thurm fand sich am andern Morgen von allem, was sein Inneresenthalten hatte, nur ein Stück unversehrt: es war ein Familienbild,das einen k. k. Officier in Uniform darstellte. Im prachtvoll einge-richteten Hause des Baron Dietrich in Matzleinsdorf wurde allesGlas an Fenstern, Thüren, Schränken und Spiegeln, alles Porcellanzerschlagen; die Einrichtungsstücke wurden zertrümmert, die getäfel-ten Fußböden der schönsten Zimmer mit Ablagerungen organischenStoffwechsels bedacht, Bücher herausgerissen, Papiere und Briefschaf-ten umhergeworfen, Betten zerschnitten und die Federn in die Luftgestreut. Und doch hatte der an der Gicht darniederliegende Besitzerreichlich Geld unter die Soldaten vertheilen und alles hergeben lassen,was Küche und Keller vermochten. Dem Binder des Hauses, derein großes Schaff Wein herbeischleppte, wurde von einem vollgetrun-kenen Soldaten unter der Kellerthüre das Bajonnet durch den Leibgerannt"'). Am 29. Nachmittags waren in der Todteukammer derMatzleinsdorfer Kirche neunzehn Leichen ausgestellt, damit jede Familiedie ihrigen herausfinden möge, und am 30. führte mau aus derJohannagasse und vom Hundsthurmer Walle siebeuundfünfzig Todtefort; die das,Militär vor die Linie hiuausgeführt und dort erschossenund begraben hatte, waren nicht dabei.

Auch in den mit Sturm genommenen Quartieren der Leopold-stadt und Jägerzeile wurde mitunter arg gehaust^ wenn man auchzugebeu muß, daß im Gerede der Leute und in den Darstellungenleichtgläubiger oder übelwollender Schriftsteller so manches dem Mili-