234 II 17. VieruiidzwanpgstHiidige W^fsenrnhe, 27. Octobcr.
war da, der sich getraute, diese Kundmachung au den Ecken anzu-schlagen; ihr Inhalt verbreitete sich nur auf mündlichem Wege. Alleinwas man genau wußte, war, daß die vom Feldmarschall am 23. ge-gebene Frist schon längst abgelaufen war und daß man auf einenentscheidenden Angriff des Militärs gefaßt sein müsse. Wer konnte,eilte mit Kind und Kegel von den am meisten ausgesetzten Punktenin die innere Stadt, deren Straßen von neuen Ankömmlingen wim-melten. Hochbepackte Fuhrwerke kamen fortwährend an; alle Gast-häuser, viele von ihren Eigenthümern verlassene Privat-Wohnungenwaren überfüllt von flüchtigen Familien. Die Stadtbewohner selbsträumten die Böden ihrer Häuser und schafften Wasser hinauf, umbei ausbrechenden Bränden mit der Hilfe gleich bei der Hand zusein. In den Vorstädten verkrochen sich die Leute in die Keller undversteckten sich hinter Fässer und zusammengetragenes Bettzeug.
Von der Schönbrunner Gloriette, von der Höhe des Kahlenbergsspähte man ängstlich nach der Stadt, aus der nur selten ein Bote kam, wieein Wundermann angestaunt und empfangen. Von Stunde zu Stundeerwartete man den Beginn des Entscheidungskampfes, doch Stundeans Stunde verrann und kein Angriff erfolgte. Aber auch das weißeFriedenszeichen blieb aus, das man auf dem Stephansthurme gewah-ren mußte, wenn die in der Stadt den bessern Theil erwählt habensollten. Noch ein drittes war möglich: Sollte man etwa von Olmüzaus dem Fürsten die Hände gebunden, sollte sich die Vermittlung derdeutschen Reichs-Commissäre doch als wirksam erwiesen haben? Wiein der Seele des Aufgeregten Furcht und Hoffnung einander in schnellemWechsel ablösen, so meinte man jetzt in der That, mit dem unverhofftenZögern der Truppen müsse es seine eigene Bewandtnis haben, unddas auftanchende Gerücht, „Fürst Windischgrätz sei an das kaiserlicheHoslager beschieden worden", fand rasch Verbreitung und Glauben.
Doch der Feldmarschall weilte nach wie vor in Hetzendorf, nichtgesonnen, von irgend einer Seite einen Eingriff in seine Maßregelnzu dulden. Die Zögerung mit dem Angriff war sein eigener Ent-schluß. Fest gewillt, seinen Plan durchznführen, wünschte er nichtohne dringende Nothwendigkeit zum äußersten zu schreiten. Noch einTag sollte der Bevölkerung Wiens zur freiwilligen Unterwerfung ge-gönnt sein. Seine Bedingungen war hart, er war es nicht. „Ichhabe einen Theil meiner Jugend in Wien verlebt", sagte er zu dem