Das „Hcranskitzeln" der Männer.
195
Bewohner keine Ruhe; mit Laternen in der Hand durchspähten diewilden Rotten Keller und Magazine, um Garden, die sich etwa deinDienste zu entziehen suchten, heranszutreiben — „herauszukitzeln",wie man das mit einem Wiener Euphemismus nannte. Es kamenFälle vor, daß Leute aus den Betten herausgerissen wurden '^). Inder Sitzung des Gemeinderathes wurde laute Klage über diese grobenVerletzungen der persönlichen Sicherheit geführt. Daß dabei mancherUnfug anderer Art mitunterlief, läßt sich denken. Den Tag überdurchstreiften Schaarwachen die Stadt, um alle Waffenfähigen zu-sammenzntreiben; es gab wohl manchen Feigling, der mit bramar-basirendem Wesen auf der Straße den Schergen machte, um nicht ander Linie im Feuer steheu zu müssen. Auch einige Mitglieder derberittenen Nationalgarde gaben sich zu dieser traurigen Menscheujagdher. Eines Tages sah man zwei derselben, die Säbel hochgeschwungen,auf dem neuen Markt herumsprengen; ein Knabe von vierzehn Jahren,der sich durch Flucht entziehen wollte, siel ihnen zur Beute und wurdeeiner Abtheilung Fnß-Gardeu übergeben, die ihn in das Hauptquartierablieferten. Dort wurden alle Eingebrachten mit Waffen versehenund in kleineren oder größeren Abtheilungen an die Barricaden ge-sandt; die Bedeckungsführer hatten Befehl, jeden, der Miene zu ent-rinnen mache, niederzuschießen. Wenn es dann zum Kampfe kam,waren nicht selten im Rücken der Gepreßten Bewaffnete ausgestellt,um jede Lauheit im Dienst oder Entweichung zu verhindern. Dannsagte wohl mancher der unfreiwilligen Kämpfer bei sich: „Liebersterben von den freundlichen Kugeln der Soldaten, als sich vonden Bajonneten entmenschten Pöbels in die Ewigkeit schicken lassen!"Der lumpigste Kerl dünkte sich ein Stück revolutionärer Nemesis zusein und führte das Wort „Standrecht!" im Munde, mit dessenSchrecknissen er jeden Unsügsamen zittern machte. Am 25. gelangtevon einem Polizeiamte an den Gemeiuderath die Anzeige, daß einMobile einen harmlosen Mann ohne jede Veranlassung habe nieder-schießen wollen; vor's Gericht gefordert, erklärte jener: „General Beinhabe befohlen, jeden Unbewaffneten niederzumachen". Das Angeber-wesen, die Spionenriecherei standeil in giftigster Blüthe. Die Spaltenradiealer Blätter füllten sich mit den gehässigsten Anzeigen und gabendamit ruhige Bürger der Rache einer gesinnungslosen Meute preisWeiber, denen man de» Gatten oder Sohn davougeführt, machten
13 *