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Freiland : ein soziales Zukunftsbild
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heit häufig dieser natürlichen Expansionstendenz der Bedürfnisse einigeZeit hindurch hemmend entgegentreten können, so darf ich doch mitgutem Gewissen behaupten, daß unsere unglücklichen Brüder im blumigenReiche der Mitte nicht aus unüberwindlicher Abneigung gegen aus-reichende Kost und Kleidung hungerten und halbnackt umherliefen, son-dern sehr gern bereit gewesen wären, sich höhere Gewohnheiten anzu-eignen, wenn nur die vorsorgliche Weisheit aüer chinesischen Regierungendem nicht jederzeit dadurch entgegengetreten wäre, daß sie die Versucheder Arbeiter, sich behufs wirksamer Geltendmachung ihrer Forderungenzu verabreden und zu vereinigen, mit den härtesten Strafen verfolgte.Verbündete Arbeiter wurden nicht anders behandelt, denn als Rebellen,und die Besitzenden Chinas — das ist ihre Thorheit und ihre Schuld— haben dieser verbrecherischen Thorheit der chinesischen Regierungstets Beifall gespendet.

Thorheit sowohl als Verbrechen nenne ich dies Beginnen, weil esnicht bloß gegen die Gerechtigkeit und Menschlichkeit, sondern auch gegenden eigenen Vorteil der also Handelnden und der ihnen Beifall Spen-denden in gröblichster Weise verstieß. Die Regierung anlangend sollteman meinen, daß dieser das Aberwitzige und Selbstmörderische ihresBeginnens ganz von selbst auch ohne tieferes Nachdenken längst hätteeinleuchten sollen. Mußte doch ein Blinder sehen, daß sie ihre finan-zielle sowohl als ihre militärische Kraft in dem Maße ruinierte, inwelchem ihre Maßregeln gegen die unteren Volksklassen von E^"*-begleitet waren. Der Konsum der Massen ist wie allerortein China die hauptsächliche Quelle der Staatseinnahmen, dieGesundheit der Bevölkerung die Stütze der militärischen Kraf' . ^...Was sollten aber Chinas Zölle und Accisen einbringen, wenn das Volknichts verzehren konnte und wie sollten seine aus dem elendesten Prole-tariats rekrutierten Soldaten Mut und Kraft vor dem Feinde beweisen?Ebenso schädigte diese Darniederhaltung der Massen auch die Interessender Besitzenden. Weil das chinesische Volk wenig konsumierte, vermochtees auch nicht zu höher produktiver Arbeit überzugehen, d. h. seine Ar-beitskraft hatte, gerade weil ihre Herstellungskosten so jämmerlich wenigbeanspruchten, auch jämmerlich wenig Nutzwert.

Der chinesische Arbeitgeber konnte also wirklich nicht viel für dieArbeit zahlen, aber nur aus dem Grunde, weil dem Arbeiter verwehrtwar, in wirksamer, d- h. nicht bloß den einzelnen Arbeitgeber, sondernden Arbeitsmarkt beeinflussender Weise, viel zu verlangen. Der einzelneUnternehmer hätte freilich den Forderungen seiner Arbeiter nur in be-schränktem Maße nachgeben können, da er als Einzelner das Mehr anLohn an seinem Gewinne eingebüßt hätte; wäre aber in ganz Chinader Arbeitslohn gestiegen, so hätte dies den Bedarf in solchem Maßeerhöht, daß die gesamte chinesische Arbeit ergiebiger geworden wäre,

Hertzka, „Freiland". 22