Druckschrift 
Freiland : ein soziales Zukunftsbild
Entstehung
Seite
336
Einzelbild herunterladen
 

— 336

welche sie früher an dem, ohnehin kärglich genug bemessenen, allgemei-nen Durchschnitt der ausbeuterischen Ordnung abgezwackt hatten.

Tei-Fu (Rechte). Der Herr Vorredner übersieht, daß die Bestim-mung des Arbeitslohnes nicht vom Belieben der Arbeitgeber, sondernvon Angebot und Nachfrage abhängt. Daß Hungerlöhne zum TiereHerabdrücken, ist ja leider richtig und die Blutbäder, mit denen die zurVerzweiflung getriebenen Massen auch meines Vaterlandes allenthalbendas Befreiungswerk einleiteten, sind gleich den Ereignissen in Rußlandberedte Beweise dieser Wahrheit; aber wie hätte alle politische Klugheider Herrschenden dem Vorbeugen können? Der Arbeitsmarkt in Chinawar eben überfüllt, das Händeangebot zu groß; keine Macht der Erdekonnte den Lohn erhöhen.

Alexander Ming-Li (Freiland). Mein Bruder Tei-Fu glaubt,daß der Arbeitslohn von Angebot und Nachfrage abhänge; es ist daskein in unserem gemeinsamen Geburtslande erdachtes Axiom, sondern einder Nationalökonomie des Westens entlehnter Satz, der aber deshalbin gewissem Sinne nicht minder richtig ist. Er gilt schließlich vonjeder Ware, also auch von menschlicher Arbeitskraft, so lange sie alsWare feilgeboten werden muß. Aber daneben hängt der Preis auchnoch von zwei anderen Dingen ab, nämlich von den Produktionskostenund vom Nutzwerte der Ware, ja diese beiden letztgenannten Faktorensind es, die auf die Dauer den Preis regulieren, während die Schwan-kungen von Angebot und Nachfrage auch bloß Schwankungen innerhalbder von Produktionskosten und Nutzwert gezogenen Grenzen herbeizu-führen vermögen. Man muß auf die Dauer für jedes Ding so vielbezahlen, als seine Herstellung kostet und man kann auf die Dauer nichtmehr für dasselbe erhalten, als sein Gebrauch wert ist. Das ist allesauch längst bekannt, nur hat man es sonderbarer Weise niemals vollständigauf die Frage des Arbeitslohnes angewendet. Was kostet die Herstellungder Arbeitskraft? Nun offenbar so viel, als der Arbeiter an Mittelndes Unterhalts braucht. Und was ist der Nutzwert der menschlichenArbeit? Nun ebenso offenbar der Wert des durch sie zu erzielendenProdukts. Was heißt das also in seiner Anwendung ans den Arbeits-markt? Wie mir scheint, nichts anderes, als daß die Höhe des Arbeits-lohnes — unbeschadet der Schwankungen durch Angebot und Nachfrage— auf die Dauer bestimmt wird durch die Lebensgewohnheiten derArbeiter einerseits und durch die Produktivität ihrer Arbeit anderseits.Ersteres Moment ist bestimmend für die Fordernngen der Arbeiter,letzteres für die Zugeständnisse der Arbeitgeber.

Nun aber bitte ich meinen geehrten Landsmann wohl Acht zu geben.Die Lebensgewohnheiten der Massen sind nichts unabänderlich gegebenes;jedes menschliche Wesen hat das natürliche Bestreben, möglichst gut zuleben, und wenn auch zugegeben werden muß, daß Sitte und Gewöhn-