264
Wirklichkeit sei — kurzum, unsere kriegerischen Erfolge gestalteten sich zueinem Triumphe unserer socialen Einrichtungen. Eine gewaltige fieber-hafte Bewegung ergriff alle Geister, und mit einem Schlage wollteman nun überall verwirklichen, was bis dahin bloß von verhältnismäßigWenigen schüchtern als dereinst zu erreichendes Ideal ausgestellt, vonVielen mit Abneigung betrachtet, von den großen Massen aber zumeistgänzlich ignoriert worden war.
Und dabei erwies sich — was uns nun allerdings wieder nichtüberraschte — daß die Ungeduld und das Revolutionsfieber desto hef-tiger waren, je weniger man sich zuvor mit unseren Ideen beschäftigthatte. Die fortgeschrittensten freisinnigen Völker, deren leitende Staats-männer auch zuvor schon mit uns sympathisiert und gutgemeinte, wennauch zusammenhanglose Versuche unternommen hatten, ihre arbeitendenMassen zu wirtschaftlicher Freiheit heranzuziehen, schickten sich in ver-hältnismäßiger Ruhe an, die große ökonomische und sociale Revolutionunter möglichster Wahrung aller bestehenden Interessen einzuleiten.England, Frankreich und Italien, die schon vor Ausbruch des abyssi-nischen Krieges bereit gewesen waren, unsere Einrichtungen — wennauch vorläufig bloß in ihren ostafrikanischen Besitzungen — zuzulasscn,beschlossen nunmehr, ohne daß dazu besondere politische Umwälzungenbei ihnen notwendig gewesen wären, sich wegen Überführung ihrer be-stehenden Institutionen in den unsrigen ähnliche, mit Freiland ins Ein-vernehmen zu setzen, und mehrere andere europäische Staaten, sowieganz Amerika und Australien schlossen sich ihnen unmittelbar an. DieserUmschwung war in den betreffenden Staaten allenthalben von stürmischenAusbrüchen der Volksbegeisterung begleitet; aber mit Ausnahme einigerFensterscheiben litt Niemand Schaden dabei. Gewaltthätiger schon ginges in den „konservativen" Staaten Europas und in einzelnen LändernAsiens her; dort kam es zu heftigen Krawallen, ernstlichen Verfolgungenverhaßter Staatsmänner, die vergebens beteuerten, daß nunmehr auchsie gegen die wirtschaftliche Gleichberechtigung nichts einzuwenden hätten,stellenweise zu Blutvergießen und Vermögenskonfiskationen. Die arbeiten-den Massen mißtrauten dort den besitzenden Ständen, waren aber selberuneinig über den einzuschlagenden Weg, so daß drohender stets und ge-hässiger die Parteien einander entgegentraten. Vollends schlimm abergestalteten sich die Ereignisse dort, wo die Regierungen früher wirklichund bewußt volksfeindlich gehandelt, die Besitzenden gegen die Massenausgespielt und Letztere vorsätzlich in Unwissenheit und Verkommenheitdarniedergehalten hatten. Dort gab es keine intelligente Volksklasse,die genügenden Einfluß besessen hätte, sich den Ausbrüchen wütendenund unvernünftigen Hasses entgegenzuwerfen; dort wurden Grausam-keiten und Scheußlichkeiten aller Art begangen, die einstigen Unter-drücker massenhaft abgeschlachtet und es wäre kein Ende der sinn- und