239
die meine Glieder umhüllt! (Bei diesen Worten verbarg sie ihr Ant-litz schaudernd in den Händen; dann aber, sich gewaltsam ausraffend,fuhr sie fort): Bedenken Sie doch, wenn Sie eine Tochter hätten undman würde von ihr verlangen, unter die menschenfressenden Njam-Njamzu gehen, um dort Königin zu werden, und der Vater des Bräutigamswürde ihr versprechen, es sollten ihr recht zahlreiche und fette Sklavengeschlachtet werden — was würde das arme Kind, das unüberwind-liches Grauen vor Menschenfleisch mit der Muttermilch eingesogen hat,dazu sagen? Nun, sehen Sie, wir in Freiland empfinden Grauen vorMenschenfleisch, auch wenn das Schlachtopfer ohne Blutvergießen, Zollum Zoll und Glied um Glied langsam getötet wird, uns flößt das all-mähliche Aussaugen und Verbrauchen eines Nebenmenschen nicht minderesEntsetzen ein, als Ihnen das buchstäbliche Auffressen desselben, und sowenig Sie an den Mahlzeiten der Kannibalen Teil zu nehmen imStande sind, so unmöglich ist es uns, von der Ausbeutung geknechteterMitmenschen zu leben. Ich kann nicht Fürstin werden, ich kann nicht!O, trennen Sie mich nicht von Carlo, denn wir werden beide darüberzu Grunde gehen, und — das weiß ich nicht erst seit heilte — Sielieben nicht nur ihn, sondern auch mich."
Dieser Appell, verbunden mit flehenden Blicken und einem sanftenErfassen seiner Hände, war mehr, als mein Vater — aus solchemMunde — ungerührt zu ertragen vermochte. „Mädchen, Du hastmir ja ordentlich Entsetzen vor mir selber eingejagt! Also Menschen-fresser sind wir, mit dem Unterschiede bloß von Euern liebenswürdigenNjam-Njam, daß wir unsere Schlachtopfer nicht mit einem herzhaftenKeulenschlage erlegen und dann sofort verschlingen, sondern stückweise,Zoll um Zoll uns zu Gemüte führen! Nun, Du magst so Unrechtnicht haben und keineswegs will ich Dich zu den Freuden einer Fürst-lichkeit zwingen, bezüglich deren Du solche Anschauungen hegst. Auchmein entarteter Sohn scheint in diesem Punkte mehr Deiner als meiner— bisherigen Geschmacksrichtung zu huldigen. Nehmt einander alsound werdet glücklich nach Eurer Fa9on. Was mich anlangt, so werdeich über Mittel und Wege nachfinnen, um mich in den Augen meinesneuen Töchterchens einigermaßen vom Gerüche des Kannibalismus zureinigen."
Meine Bertha flog jetzt zuerst mir, dann meinem Vater, dann derReihe nach ihren Eltern und Geschwistern, dann aber wieder meinemVater an den Hals. Das Küssen und Umarmen des Schwiegcrpapasgeriet so begeistert und stürmisch, daß ich um ein Haar eifersüchtig ge-worden wäre. Mein Vater aber war nun derart Feuer und Flammefür unsere bevorstehende Verbindung, daß er Neys aufforderte, sofortalle erforderlichen Formalitäten dieses erfreulichen Aktes einzuleiten.Binnen Monatsfrist ungefähr glaube er — vorübergehend — nach