Druckschrift 
Freiland : ein soziales Zukunftsbild
Entstehung
Seite
220
Einzelbild herunterladen
 

220

ganze Unterschied. Da ist z. B. unser Nachbar Moro. Derselbe, ein gewöhn-licher Werkführer der Edenthaler Farbwarenassociation, gehört samtseiner reizenden Frau zu den Intimen des Neyschen Hauses, und wirhaben schon einigemale vortrefflich in seinem netten und komfortabeleingerichteten, 7 Wohnrämne enthaltenden Heim gespeist. Ja selbst die„Ziehtöchter" fehlen — nebenbei bemerkt — in seinem Hause nicht,denn auch seine Gattin genießt — und, wie ich hinzufügen will, nichtmit Unrecht — den Ruf einer hervorragenden Geistes- und Herzens-bildung, und die Ziehtöchter suchen, wie Du weißt, nicht das großeHaus, sondern die bedeutende Frau auf. Und sollte Dir besondersauffallend erscheinen, daß solch ein Phönix von Frau Gattin eines ge-wöhnlichen Fabrikarbeiters ist, so bedenke, daß freiländische Arbeiteretwas anderes sind, als europäische. Gediegene Mittelschulbildung ge-nießt hier alle Welt, und daß ein junger Mann Handwerker und nichtLehrer, Arzt, Ingenieur oder dergl. wird, hat darin seinen Grund, daßer eben keinerlei hervorragende geistige Fähigkeiten in sich entdecktoder vermutet. Denn hierzulande kann sich den geistigen Berufszweigennur ein geistig hervorragend Befähigter mit Aussicht auf Erfolg zu-wenden, da der Minderbefähigte angesichts der Konkurrenz aller wirk-lich Befähigten unmöglich aufzukommen vermag. Bei uns da draußen,wo nur eine verschwindende Minderzahl die materiellen Mittel zumStudium hat, gewährt diese Mittellosigkeit der Ungeheuern Mehrzahlauch den Dummköpfen unter den Bemittelten ein Privilegium. DieReichen können eben nicht alle talentiert sein — so wenig als die Armenalle es sind; da wir aber trotzdem unseren Bedarf an geistigen Ar-beitern — von Ausnahmen, die ja überall Vorkommen, muß dabeinatürlich abgesehen werden — bloß aus der kleinen Menge von Söhnenwohlhabender Familien decken, so kommen bei uns — günstig gerechnet— ausje einen fähigen Studierenden zehn Unfähige, von welchen Zehnen aber,da wir mit dem einen Fähigen natürlich nicht den ganzen Bedarf deckenkönnen, höchstens die zwei oder drei Allerdümmsten Schiffbruch leiden.Hier dagegen, wo Jedermann die Mittel zum Studium hat, giebt esselbstverständlich unendlich mehr befähigte Studierende, folglich brauchendie Freiländer bei Deckung ihres geistigen Bedarfes lange nicht so tiefzu greifen, als wir. Ihre Tüchtigsten sind nicht notwendig tüchtiger,als die unsrigen, aber unsere Unfähigsten — unter den Studierenden— sind viel, viel unfähiger, als ihre überhaupt noch möglichen Unfähigsten.Was bei uns noch mittelgut wäre, ist hier schon lange aussichtslos.Freund Moro z. B. hätte es in Europa oder Amerika vielleicht auchzu keiner „Leuchte der Wissenschaft" oder „Zierde des Barreau" ge-bracht, doch ein ganz annehmbarer Durchschnittslehrer, Advokat oderBeamter wäre er immerhin geworden. Hier aber mußte er — nachabsolvierten Mittelschulen — genauer mit seinen geistigen Fähigkeiten