206
ein Produkt ist es jedenfalls, und es sollte daher niemals die Fragesein, ob überhaupt, sondern allemal nur, welche Art von Produktengerade gesucht wird. Nehmen wir an, die Weizenerzeugung habe eineVerbesserung erfahren, so ist es allerdings möglich, daß damit derWeizenbedarf noch immer nicht, oder doch nicht gerade im Verhältnisseder gebotenen Möglichkeit der Produktionssteigerung wachse, denn daßdie Weizenproduzenten ihren Mehrertrag gerade zu Mehrgebrauch vonWeizen benutzen werden, ist allerdings nicht notwendig; aber dann sollte,so scheint es, die Nachfrage nach etwas anderem entsprechend zunehmen,z. B. nach Kleidern oder nach Werkzeugen, und wenn man dies nurallemal rechtzeitig vorher wüßte und die Produktion darauf einrichtenkönnte, so sollte es niemals eine Störung des Tauschverhältnisses dereinzelnen Güterarten geben. Also nicht ans einem Zuviel von Produktenim allgemeinen, nicht aus einem Mißverhältnisse zwischen Produktivkraftund Verbrauch schlechthin, sondern aus vorübergehenden Störungen desrichtigen Verhältnisses zwischen den einzelnen Produktionen erklärt dieorthodoxe Doktrin die Krisen, indem sie noch hinzufügt, daß angesichtsdes in der ganzen Welt herrschenden Elends von allgemein mangelndemBedarf zu reden, geradezu widersinnig sei.
„Bei dieser im übrigen schlechthin unanfechtbaren Gedankenkette istnur Eines vergessen worden, welches Eine aber leider die Grundeinrichtungder gesamten ausbeuterischen Gesellschaft ist. Allerdings scheint es eingrauenerregender Widersinn, angesichts grenzenlosen Elends von allgemeinmangelndem Bedarfe reden zu müssen; wo aber die ungeheure Mehrheit derMenschen kein Anrecht auf die Früchte ihrer Arbeit besitzt, da erlangt dieserWidersinn eine fürchterliche Bedeutung. Was nützt es dem darbendenArbeiter, daß er ganz vortreffliche und überaus dringende Verwendungfür jene Produkte wüßte, die er hervorgebracht, wenn diese nicht ihmgehören? Bleiben wir bei dem Beispiel mit der durch verbesserte Kultur-methoden gesteigerten Weizenproduktion. Wenn es die landwirtschaft-lichen Arbeiter wären, denen das Verfügungsrecht über das mehr er-zeugte Getreide zustünde, so würden sie allerdings mehr oder feineresBrot essen, also einen Teil des Mehrprodukts selber verzehren; miteinem anderen Teile würden sie verstärkte Nachfrage nach Kleidern, miteinem dritten Teile ebenso verstärkte Nachfrage nach Werkzeugen Hervor-rufen, die ja notwendig wären, um das Mehr an Getreide und Kleidungs-stoffen zu erzeugen. Hier würde es sich wirklich bloß darum handeln,das richtige Verhältnis zwischen Weizen-, Kleider- und Werkzeugproduktion,welches durch eine lediglich bei Weizen eintretende Vermehrung aller-dings gestört wäre, wieder herzustellen, und vermehrte Produktion, ge-steigerter Wohlstand für Alle, wäre nach vorübergehenden Schwankungendie unvermeidliche Folge. Da aber der Mehrertrag von Weizenpro-duktion nicht den Arbeitern gehört, da diese für alle Fälle nur das