Druckschrift 
Freiland : ein soziales Zukunftsbild
Entstehung
Seite
175
Einzelbild herunterladen
 

das Produkt so vielen Schweißes in nutzlosen Sächelchen anzulegen— der Stein kann für ihn keinen Reiz mehr haben. Wer ihn inFreiland kaufte, der gliche Jenem, der sein Leben an den Besitz einerKrone setzt, die aufgehört hat, das Wahrzeichen der Herrschaft zu sein."

„Sie sprechen also dem Geschmeide alle wirklich schmückende Kraftab? Sie leugnen, daß Perlen oder Diamanten geeignet sind, die Reizeeines schönen Körpers noch wesentlich hervorzuheben?" entgegnete meinVater.

„Das thue ich allerdings", war die Antwort. „Nicht daß ich dieschmückende Wirkung an sich überall bestreiten wollte; nur leugne ich,daß sich nicht genau der nämliche, ja in der Regel ein weit bessererEffekt durch andere Mittel auch erreichen läßt. Im allgemeinen aberverschönt der, seiner ganzen Beschaffenheit nach gar nicht zum mensch-lichen Körper passende Tand durchaus nicht, entstellt vielmehr in neun-undneunzig unter hundert Fällen den stolzen Besitzer. Daß ein dia-mantengeschmücktes Weib Euch Herren da draußen besser gefällt, alsein blumengeschmücktes, hat genau den nämlichen Grund, aus welchemEuch — Ihr mögt noch so starre Republikaner sein — eine Königinschöner erscheinen wird, als ihre vor dem Richterstuhle unbefangenerÄsthetik vielleicht schöneren Rivalinnen. Ein gewisses Etwas, ein eigen-tümlicher Zauber umschwebt sie — der Zauber — Sie entschuldigen dasharte Wort — des Knechtsinnes; dieser, nicht Euer ästhetisches Urteil ist es,was Euch weismacht, das Diadem verleihe höheren Reiz, als der KranHvon Rosen; lasset die Rose zum Symbol der Herrschaft werden,dessen sich nur Königinnen bedienen dürfen, und ihr werdet jetzt ohneZweifel finden, daß die Rosen es sind, die wahre Majestät zur Geltungbringen."

„Eitel sind wir Freiländerinnen deshalb doch. Wir wollen nichtbloß schön sein, sondern auch schön erscheinen und die Männer bestärkenuns nack> Kräften in diesen Bestrebungen; nur bitte ich wohl im Auge zubehalten: wir wollen nicht prunken, sondern gefallen. Deshalb sindKleid und Zierat einer Freiländerin nie Selbstzweck, sondern Mittelzum Zwecke. Eine richtige Modedame in Europa entstellt sich oft inder greulichsten Weise, weil es ihr weniger auf den Effekt ihrer Per-son, als auf den ihrer Kleider, ihres Putzes ankommt; sie wählt nichtdas Gewand, welches ihre persönlichen Reize am günstigsten hervorhebt,sondern das kostbarste, welches ihre Mittel ihr gestatten. Wir haltenes anders; schon unsere eigenen ästhetischen Anschauungen bewahren unsvor der Thorheit, einem Kleiderkünstler zu Liebe andere Gewänder an-zulegen, als jene, von welchen wir vermuten oder wissen, daß sieunsere Gestalt am vorteilhaftesten zur Geltung bringen. Außerdem abersteht uns diesbezüglich jederzeit der Rat künstlerisch gebildeter Männerzur Seite. Kein hervorragender Maler verschmäht es, jungen Damen