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aber eigentliches Geschmeide sieht man nicht. Hie und da Goldreifenim Haar, da und dort goldene oder silberne Spangen an den Kleidern,das ist alles; Edelsteine und Perlen scheinen bei den hiesigen Damenverpönt zu sein. Woran liegt das?"
„Der Grund liegt darin" — so antwortete Frau Ney — „daßuns Freiländern jene ausschließliche Triebfeder fehlt, die den anderenVölkern die Geschmeide eigentlich begehrenswert macht. Eitelkeit istauch hierzulande heimisch, unter Männern sowohl als Frauen; aber siefindet in der Schaustellung von sogenannten „Kostbarkeiten", derenalleiniger Vorzug vor ähnlichen Dingen lediglich darin besteht, daß sieteuer sind, kein Genüge. Glauben Sie wirklich, daß es die Schön-heit der Diamanten ist, was gar manche unserer bedauernswertenSchwestern da draußen Glück und Ehre in die Schanze schlagen läßt,um in den Besitz solch glitzernder Steinchen zu gelangen? Warumstieße dann dasselbe Weib, welches sich um echter Steine willen ver-kaufte, unechte, die es in Wahrheit von jenen gar nicht zu unterscheidenvermag, achtlos beiseite? Und zweifeln Sie daran, daß auch der echteDiamant sofort zum unbeachteten Kiesel würde, den keine „Dame vonGeschmack" fernerhin eines Blickes würdigte, sowie dieser Stein ausirgend einem Grunde seinen hohen Preis verlöre? Die Geschmeidegefallen also nicht, weil sie schön, sondern weil sie kostbar sind. Sieschmeicheln der Eitelkeit nicht durch ihren Glanz, sondern durch dasBewußtsein, welches sie bei ihrem Eigner erwecken, in diesen unschein-baren Dingerchen den Extrakt so und so vieler Menschenleben zu besitzen.
„Die Macht nun, deren Besitz das Geschmeide zur Schau tragensoll, die Macht über fremdes Leben und fremde Arbeit, existiert inFreiland nicht. Zwar wer einen Diamanten von beispielsweise 600Pfund Wert besäße, der hätte damit auch hierzulande das Verfügungs-recht über einjährigen Ertrag menschlicher Arbeit; aber wer ihn deshalberwürbe und zur Schau trüge, würde sich damit — angesichts unsererInstitutionen — doch nur lächerlich machen; denn seine eigene Arbeitwäre es, deren Ertrag er solcherart festlegte, gleich gegen gleich müßteer mit Jedem, dessen Arbeit er sich um den Stein dienstbar machenwollte, tauschen und statt ehrfurchtsvollen Staunens könnte er bloß be-dauerndes Mitleid erwecken, Mitleid darüber, daß er sich bessere Ge-nüsse versagt, oder nutzlose Anstrengungen auferlegt, um den albernenKiesel zu erwerben. Es wäre das gleichsam, als ob der Besitzer desDiamanten aller Welt verkünden wollte: „„Seht her, während Ihrgenösset oder ruhtet, habe ich gedarbt und gearbeitet, um den Tand zugewinnen""! Nicht der Mächtigere, der Thörichtere wäre er in Jeder-manns Augen — der Stein, dessen bestrickende Gewalt an die Vorstellunggeknüpft ist, daß sein Besitzer zu den Herren der Erde gehöre, die überfremde Arbeit verfügen und deshalb sich den Scherz erlauben dürfen,