IX
sind nicht etwa schon dann verbesserungsbedürftig, wenn sie unsererSehnsucht nach einem absolut guten Zustande widersprechen, sondern erstdann, wenn deutlich gezeigt werden kann, daß es möglich ist, sie durchandere zu ersetzen, die den derzeitigen Existenzbedingungen der Mensch-heit besser entsprechen, als sie. Das von Darwin entdeckte natürlicheEntwicklungsgesetz sagt uns des ferneren, daß in einem solchen Falle,wenn wirklich die sozialen Einrichtungen aufgehört haben, die relativbesten, d. h. die den derzeitigen Existenzbedingungen unserer Rasse ent-sprechendsten zu sein, ihre Beseitigung nicht bloß möglich, sondernschlechthin unvermeidlich sein müsse; denn im Kampfe ums Dasein kannnicht nur, sondern muß das Überlebte dem Besseren, Zweckentsprechen-deren weichen. Ebenso aber sagt uns dieses Gesetz, daß alle Eigenartenwelches organischen Wesens immer die im Daseinskämpfe hervorgetretenenErgebnisse seiner Existenzbedingungen seien, und wenn wir nunmehr dieseverschiedenen uns durch die Entwicklungslehre gebotenen Fingerzeige Zu-sammenhalten, so ergibt sich folgender als der von der socialen Forschungeinznschlagende, allein zum Ziele führende Weg:
Es ist zunächst zu untersuchen und festzustellen, welche besonderenExistenzbedingungen es waren, unter deren Walten die derzeit geltendensozialen Satzungen sich entwickelten.
Dies ausgeführt, ist zu untersuchen, ob diese nämlichen Existenz-bedingungen derzeit noch bestehen oder ob andere an ihre Stelle ge-treten sind.
Zeigt sich dabei, daß letzteres geschehen, so ist klarzustellen, ob dieneuen Existenzbedingungen mit den alten Satzungen verträglich sind,und wenn nicht, welcherlei Änderungen der Letzteren es sind, welche vonihnen gefordert werden.
Diese solcherart gefundenen neuen Satzungen müssen und werdendann dasjenige enthalten, was wir als „Lösung der sozialen Frage" zuerwarten berechtigt sind.
Indem ich nun diese streng naturwissenschaftliche Untersuchungs-methode auf das soziale Problem anwandte, gelangte ich schon vor vierJahren zu folgenden Ergebnissen, deren Darlegung mein damals ver-öffentlichtes Buch „Die Gesetze der sozialen Entwicklung" gewidmet war:
Die derzeit geltenden sozialen Satzungen sind das schlechthin not-wendige Ergebnis des Daseinskampfes der Menschheit inmitten einessolchen Grades der Ergiebigkeit menschlicher Arbeit gewesen, bei welchemder einzelne Arbeiter zwar mehr erzeugen konnte, als zu tierischer Fri-stung seines Daseins unerläßlich war, aber nicht genug, um, gestützt aufdiesen Eigenertrag der Arbeit, höhere Bedürfnisse zu befriedigen. Dennbei diesem mittleren Grade der Ergiebigkeit war Ausbeutung des Men-schen durch den Menschen der einzige Weg, um zum mindesten Ein-zelnen Reichtum und Muße, diese Grunderfordernisse höherer Kultur,