314 DIE DEUTSCHE PSYCHOLOGIE.
Schriften, dass sich in Deutschland der Geschmack anpsychologischen Untersuchungen weiter ausbreitet. Er-wähnen wir im Vorbeigehen die Arbeiten Karl Bolim’sin den Philosophischen Monatsheften (1876 und 1877)„Beiträge zur Theorie des Bewusstseins“ x ) und „Ueberdie Theorie des Gedächtnisses“. Obwohl er sich von derMetaphysik nicht ganz frei hält, sucht er doch dieseschwierigen Probleme mit Hülfe der Anatomie und Physio-logie der Nervencentren zu lösen. In seiner an That-saclien sehr reichen und sehr anregenden Studie überdas Gedächtniss schliesst er sich sogar den Principicnund der Methode der physiologischen Psychologie voll-ständig an.
Von den rein philosophischen Schulen wäre die derNeukantianer, welche augenblicklich in hoher Blütliesteht, am besten vorbereitet, den Interessen der neuenPsychologie zu dienen. Gewöhnlich sind ihre Bestre-bungen allerdings auf ein anderes Gebiet, die Erkenntniss-theorie, gelenkt, jedoch kann die jüngst (1876) begründeteVierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philo-sophie durch ihre rein wissenschaftlichen Bestrebungendie experimentellen Untersuchungen nur begünstigen.Bis jetzt scheint sie sich vornehmlich mit der Frage desBaumes, welche mit der Physiologie der Empfindung soinnig Zusammenhänge zu beschäftigen; indess hat einerihrer Hauptmitarbeiter, C. Goering, in einer Abhand-lung „Ueber die menschliche Freiheit und Zurechnungs-fähigkeit“ diese Lieblingsfrage der Metaphysik mit vielGeist und nach den Verfahren der empirischen Methodebehandelt.
x ) Ygl. auch Ocliorowicz, Die Bedingungen des Bewusst-werdens, Leipzig 1866 , welelie Arbeit den gegenwärtigen Standder Frage sehr gut wiedergiebt.