Druckschrift 
Die experimentelle Psychologie der Gegenwart in Deutschland
Entstehung
Seite
236
Einzelbild herunterladen
 

236

DIE DEUTSCHE PSYCHOLOGIE.

sie fortwährend um jenen Punkt der Indifferenz sichbewegen. Andere sind fast immer von starken Ge-fühlen begleitet, so dass bei ihnen der Gefühlston mehrals die sonstige Beschaffenheit der Empfindung sich derBeobachtung aufdrängt. Die ersteren sind die Empfindun-gen im engeren Sinne, die letzteren die sinnlichen Gefühle.

Da das Gefühl aus der Beziehung zum Bewusstseinentspringt, das letztere aber wechselnde und schwer zuzergliedernde Bedingungen für die Gefühlsbetonung derEmpfindungen mit sich führt, so entzieht sich das Gefühlweit mehr als die ursprünglichen Bestandtheile der Em-pfindung einer eingehenden Analyse. Indem wir dassinnliche Gefühl als eine dritte Bestimmung der Empfin-dung betrachten, welche zu Qualität und Intensität ersthinzutritt, insofern die Empfindung Bestandtheil eines Be-wusstseins ist, weisen wir zwei andere Auffassungen über dasWesen des Gefühls zurück. Nach der ersten, welche vonAristoteles bis Kant die bedeutendsten Beobachter zuihren Anhängern zählt, ist das Gefühl eine unmittelbareAffection der Seele, hervorgerufen durch die Empfindung.Aber unsere Erfahrung sagt uns über Lust und Unlustder „Seele“ nichts; sie lehrt uns nur Zustände unseresBewusstseins kennen, und so nehmen wir auch unsereGefühle wahr als eine unmittelbare Affection unseres Be-wusstseins durch die Empfindung, und es liegt durchauskein Grund vor, den metaphysischen Begriff der Seele mitdem empirischen des Bewusstseins zu vertauschen.

Nach der zweiten Ansicht, welche hauptsächlich vonHerhart und seiner Schule vertreten wird, resultirtdas Gefühl aus einer Wechselwirkung der Vorstellun-gen, also aus nicht ursprünglichen Zuständen. Die gegen-seitige Hemmung der Vorstellungen begründet das Gefühlder Unlust, ihre gegenseitige Verbindung und Förderung