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Die experimentelle Psychologie der Gegenwart in Deutschland
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DIE DEUTSCHE PSYCHOLOGIE.

sinnlichen Anschauung liegt, ist der erste Denkact,sondern erst jenes Urtheil, welches das einzelne Merkmalder Empfindung feststellt. Wie ist nun aber diesesprimitivste aller Urtlieile beschaffen? Bei genauerer Be-trachtung ergiebt sich eine höchst sonderbare Eigenthüm-lichkeit dieses Urtheils. Es lässt sich dasselbe nämlichgar nicht ausdriicken. Man kann es weder in Wortefassen, noch denken. Man weiss von ihm nichts — alsseine Existenz. Ich weiss ganz bestimmt, dass die Empfin-dung Roth sich von Grün, Gelb, Blau u. s. w. durch Merk-male unterscheidet, welches aber diese Merkmale sind,das ist mir absolut unbekannt. Ich kann diese Merkmaleweder durch angestrengtes Nachsinnen, noch durch diesorgfältigste Untersuchung der Bedingungen, unter denendie Empfindung zu Stande kommt, auffinden. Die Unter-suchung hat uns zwar gelehrt, dass Aetherscliwingungenvon einer bestimmten Wellenlänge, wenn sie ins Augefallen, die Empfindung Roth verursachen. Aber die Aetlier-schwingungen und ihre Wellenlängen sind nicht die Merk-male , an denen wir das Roth von den anderen Farbenunterscheiden, denn wir haben diese Unterscheidung ge-macht lange bevor wir wussten, dass das Licht aus Aetlier-schwingungen entsteht.

Diese primitiven Urtheile sind also keine Denkacte,und die ersten Processe unseres Denkens sind daher nichtjene inhaltlosen Urtheile, aus denen sich die Merkmaleder Empfindung ergeben, sondern die an diese sich an-reihenden Schlüsse, aus welchen die sinnliche Wahr-nehmung hervorgeht. Nicht mit Urtheilen also, sondernmit Schlüssen fängt das Denken an. Ein Urtheil be-steht für uns nur nach dem Ablauf eines Schlusses, sodass man sagen kann, der Schluss ist die werdendeErkenntniss, das Urtheil die gewordene.