Druckschrift 
Die experimentelle Psychologie der Gegenwart in Deutschland
Entstehung
Seite
211
Einzelbild herunterladen
 

WUNDT. 211

Organen mit den äusseren Reizen in Berührung gebrachtwerden.

„Der wesentliche Unterschied dieser Annahme vonder Hypothese der specifischen Energie besteht darin,dass diese die Empfindung lediglich von den Th eilenbestimmt sein liess, in welchen der Reizungsvorgangahlief, während wir in der Form dieses Vorgangs dennächsten Grund für die Form der Empfindung erkennen.Es braucht aber kaum darauf hingewiesen zu werden,dass diese Anschauung auch die psychologisch begreif-lichere ist. Wir können uns sehr wohl vorstellen, dassunser Bewusstsein qualitativ bestimmt ist durch die Be-schaffenheit der Processe, welche in den Organen, dieseine Träger sind, ablaufen; es wird uns aber schwer zudenken, wie dieses qualitative Sein nur mit den örtlichenVerschiedenheiten jener Processe veränderlich sein soll.“

Die Lehre von den specifischen Energien ist einphysiologischer Reflex des Kant’sehen Versuchs, diesubjectiven Bedingungen der Erkenntniss zu ermitteln,wie dies bei dem hervorragendsten Vertreter jener Lehre,bei Joh. Müller, besonders deutlich hervortritt. Dochkann man diesen Zusammenhang mit der Kant’sehenPhilosophie keineswegs als einen notkwendigen aner-kennen, denn die Einsicht in die rein subjective Naturder Empfindung liess allen möglichen Anschauungen überdie physiologische Grundlage derselben Raum. Uebrigensist es selbstverständlich, dass die allgemeine Frage überden Zusammenhang der äussern Reizform mit der Em-pfindung durch diese Aenderung des theoretischen Stand-punktes nicht berührt wird.

Um die Untersuchung der Empfindung zu Ende zuführen, müssten wir noch von dem sie begleitenden Ge-

14 *