Druckschrift 
Die experimentelle Psychologie der Gegenwart in Deutschland
Entstehung
Seite
210
Einzelbild herunterladen
 

210

DIE DEUTSCHE PSYCHOLOGIE.

dencle. Da nun aber der örtlich beschränkteste Licht-eindruck niemals in einer bestimmten Farbe walir-genommen wird, so ist man genöthigt, auf der kleinsten ^

Fläche der Retina schon eine Mischung dieser drei Faser-gattungen oder ihrer Endgebilde vorauszusetzen, eineAnnahme, welche mit dem Durchmesser der Stäbchen,deren jedes, wie es scheint, nur je eine Primitivfibrilleaufnimmt, schwer in Einklang zu bringen ist.

Es lassen sich also zwei Arten denken, nach denensich der Vorgang der Reizung im Nerven ändert. Ent-weder können die Molecularvorgänge in ihrer Beschaffen-heit ungeändert bleiben, während die periodische Auf-einanderfolge ihrer Zu- und Abnahme wechselt (Schall).

Oder es können die Unterschiede des Verlaufs ver-schwinden, während je nach der Art der Reizung in derNatur der Molecularvorgänge Veränderungen eintreten(chemische Sinne). Nichts steht dann der Annahme im >

Wege, dass in beiden Fällen der Molecularvorgang in derihm von Anfang an zukommenden Beschaffenheit durchdie ganze Nervenfaser bis zum Gehirn sich fortpflanzt,so dass die schliesslich in den centralen Zellen ausgelöstenProcesse eben nur deshalb verschieden sind und als ver-schiedene Empfindungen zum Bewusstsein kommen, weildie Molecularvorgänge, die von den Nerven aus in ihnenanlangen, sich unterscheiden. Das ist der einzige Weg,auf welchem die Erfahrungen über die functioneile Schei-dung der Organe mit dem Satz von der functioneilenIndifferenz der Elementartheile in Einklang zu bringenist. Eine specifische Function der einzelnen Nerven-elemente existirt nach dieser Hypothese nicht mehr; dennjener Wechsel in der Beschaffenheit der Molecularvorgängeist nur durch die Art und Weise verursacht, wie die ein- *

zelnen Elemente unter einander und in den Sinnes-