Druckschrift 
Die experimentelle Psychologie der Gegenwart in Deutschland
Entstehung
Seite
124
Einzelbild herunterladen
 

124

DIE DEUTSCHE PSYCHOLOGIE.

mit dem Fundamentalsatze des Empirismus, wie ihnHelmlioltz formulirt hat: „die Empfindungen sind fürunser Bewusstsein Zeichen, deren Deutung von unsermVerstände geliefert wird.“ In der That scheint die Loca-lisation der Tastempfindungen aus einer Deutung derursprünglich eil Daten hervorzugehen, weil sie anfangsnicht auf die äusseren Gegenstände, ja nicht einmal aufdie Peripherie unseres Körpers übertragen werden, son-dern sehr wahrscheinlich als Hinderniss einer Bewegungempfunden und erst später an dem berührten Punktelocalisirt werden. Indess könnten die Anhänger desNativismus entweder eine directe Localisation annehmen,welche durch die Wiederholung nur präcisirt würde, oderdie Operation, durch welche jeder Eindruck nach aussenverlegt wird, nicht für eine Deutung, sondern für einenpräexistirenden, angeborenen Mechanismus erklären.Liesse sich indess der Nachweis führen, dass die Locali-sation der Tastempfindungen nicht unmittelbar statt-findet, so hätten ihre Schlüsse unleugbar weniger Gewicht,als die ihrer Gegner. Nun ist es sehr schwierig, dieTastempfindungen für sich zu beobachten, weil die Ge-sichtswahrnehmung ihr vorausgeht. Schon einige Stun-den nach der Geburt folgt das Kind mit den Augeneinem etwas entfernten Lichte, während es erst vielspäter zu fühlen lernt, so dass aller Wahrscheinlich-keit nach die ersten Localisationsversuche vornehmlichdurch das Gesicht unterstützt werden. Dies würde kaumzu Gunsten der nativistischen Theorie sprechen; dennwenn das Kind eine Berührung an einer bestimmtenStelle seines Körpers localisirt, weil es da etwas Auffälli-ges sieht, z. B. eine Hand, oder einen sich ihm nähern-den Gegenstand, so gleicht dies ganz einer Deutung.Wollte man dieses fremde Element, das Gesicht, aus-