DIE ENTSTEHUNG DER RAUMANSCHAUUNG. 117
raumes zwischen zwei Punkten des Körpers nothwendi-gen Kreise vermindern sollten.
Der unerschrockenste Vorkämpfer der nativistischenTheorie, obwohl er sie mit der gegnerischen zu vereini-gen behauptet, ist in der jüngsten Zeit Stumpf 1 ). Nachihm besitzen wir eine angeborene Kenntniss der dreiDimensionen. Bei jeder Berührung fühlen wir nothwen-dig und unmittelbar eine gewisse Ausdehnung; wir locali-siren den Tasteindruck an einer bestimmten Stelle, ohnedass dazu etwas nöthig wäre, als die Berührung seihst.So haben wir die intuitive Kenntniss einer berührtenFläche. Wenn aber eine Fläche unmittelbar im Gesichts-eindruck gegeben ist, so ist es auch die Tiefe. Jeder, derdie Vorstellung einer Fläche hat, hat eben damit dieeiner Tiefe und muss höchstens darauf aufmerksam ge-macht werden. Denn die unmittelbar vorgestellte Flächeist eben oder gekrümmt; Ebenheit und Krümmung aberinvolviren die dritte Dimension. Sie sagen etwas vonder Fläche aus, was Bezug hat auf die Tiefe; das Vorhan-densein oder Fehlen von Ausbiegungen nach der Tiefehin. Fälschlich würden wir glauben, dass nur die krummeFläche Tiefen Vorstellungen implicire, und die ebene sievielmehr negire, denn jeder negative Begriff enthält alles,was der positive enthält, und fügt nur eben die Nega-tion hinzu. Auf diesen Schluss gestützt, dessen Hin-fälligkeit auf der Hand liegt, schreibt er dem Neugebore-nen, dessen Körper man mit einem Bande umwickelt, dieVorstellung einer krummen F'läclie und folglich dreierDimensionen bei. Zwar besitzt dieser Neugeborene nichtalle unsere Begriffe von mathematischen Verhältnissen,
1 Ueber den psychologischen Ursprung der Raumvorstellung,Leipzig 1873. Vergl. zu dem Angeführten S. 176, 177, 283.