Druckschrift 
Geschichte des ersten Kreuzzuges
Entstehung
Seite
382
Einzelbild herunterladen
 

382

Indessen war keine Frage, daß man den Verpflichtungen gegendie Kreuzfahrer, wenn auch aus guten Gründen, doch eben nicht nach-gekommen war; und die Unterscheidung zwischen den verschiedenenGraden entschuldbarer Versehen hat von jeher im Völkerrechte wenigGewicht gehabt. Die Pilger hatten sich, wie niemand verkennenkonnte, mit dem Siege über Kerbuga auch von allen Verbindungenmit Byzanz, das sie bei diesem Siege im Stich gelassen, emancipirt;im Ernst und in der Wahrheit konnte von Verpflichtung gegen Alexiushier keine Rede mehr sein. Auch lagen Raimund's Motive auf eineranderen Seite, und diese ist nicht schwer zu erkennen.

Ich habe schpn an einer anderen Stelle über Raimund's Wesenund sein Verhältniß zu Boemund's Natur mich ausgesprochen; wirsind hier an einen Punkt gelangt, wo dies Verhältniß deutlicher undvollständiger hervortritt. Boemund hatte weitaussehende Plane mitgroßartiger Consequenz durchgesetzt, mit Verwegenheit und List, mitunredlichen oder doch bedenklichen Mitteln. Er hatte zu reden, nochmehr aber zu schweigen verstanden, ohne einen Augenblick das lebendigeGefühl für das Ganze seiner Pläne zu verlieren: so hatte er einverdecktes Spiel sortgeführt, bis seine Resultate vollendet und un-angreifbar vor Aller Augen zu Tage traten. Raimund, von Con-stantinopel her mit ihm verfeindet, hatte unterwegs wohl selten An-laß gehabt, die Ueberlegenheit dieser Natur thatsächlich inne zu wer-den; daß aber auch in ihm sehr bald der Wunsch rege geworden,eine selbständige Herrschaft in Asten zu gründen, kann man mitGewißheit aussprechen, wobei denn freilich Boemund's Kraft, ein ent-ferntes Ziel zu ergreifen und mit freier Planmäßigkeit zu verfolgen,ihm in jeder Weise abging. So errieth er auch den Gegner nicht,bis dieser seine Wünsche aussprach und in demselben Moment derenVerwirklichung in Händen hatte, seitdem aber mußte Abneigung,Eifersucht und das Bewußtsein eigener Schwäche auf das Heftigstein ihm Zusammenwirken, um eine ebenso warm ausgesprochene alsnachdrücklich sestgehaltene Opposition gegen die Pläne seines Wider-sachers hervorzurufen.

Zu diesen persönlichen Momenten trat nun ein allgemeineres,nicht geringer wirksames. Schon seit längerer Zeit hatten sich Rei-bungen zwischen Provenzalen und Nordfranzosen gezeigt, anfangsvereinzelt, dann anwachsend an Ausdehnung und Erbitterung. Radulf