Druckschrift 
2 (1891) Drei Bücher der Redekunst (Rhetorik)
Entstehung
Seite
308
Einzelbild herunterladen
 

308

Drittes Buch.

lung that, wo er auch zuerst das vornahm und beseitigte, was dieAndern sagen würden, und dann erst selbst seine Ansicht entwickelte. 15. Hat man aber erst nach seinem Gegner das Wort, so mußman zuerst das Vorbringen, was man gegen die Rede des Gegners zusagen hat, indem man dessen Argumente entkräftet und durch Gegen-argumentation beseitigt, ganz besonders, wenn dieselben Beifall ge-sunden haben. Denn wie unsre Seele einen Menschen, von dem unsim Woraus eine üble Meinung beigebracht worden ist, nicht an sichheran lassen mag, grade so geht es auch mit dem Vortrage des Red-ners, wenn der Zuhörer der Rede seines Gegners bereits Beifall ge-schenkt hat. Der Redner muß also für die Aufnahme dessen, was ersagen will, sich zuerst in der Seele des Zuhörers Raum schaffen, unddieß wird geschehen, wenn es dir gelingt, das, was jener gesagt hat,umzustoßen. Deßhalb muß er damit anfangen, daß er zuerst entwederAlles, oder das Hauptsächlichste, oder das, was vorzugsweise aus dieZuhörer Eindruck machte, oder das, was sich leicht widerlegen läßt,bekämpft, und dann erst muß er seine eignen Ausstellungen überzeu-gend begründen. (Wenn also z. B. Hekuba in den Troerinnen desEuripides ') mit den Worten beginnt):

Zuerst als Beistand red' ich für die Göttinnen, *

Denn Hera, denk' ich," u. s. w.

so griff sie zuerst das Schwächste an. So viel von den Beweisen.

16. Was nun die individuell charakteristische sittliche Färbungder Rede anbetrifft, so ist es freilich wahr, daß gar manche Dinge,wenn der Redner sie von sich aussagt, entweder ihm verargt werden,oder langweilig erscheinen, oder Widerspruch Hervorrufen, oder, wenner sie von einem Andern sagt, entweder als Schmähung, oder als

r> Euripides' Troerinnen B. S7S ff., Seidler. Die eingeklammerten ()Worte fehlen im Texte. Aristoteles begnügte sich, wie fo oft, mit dem bloßenCitat ein neuer Beweis dafür, daß diese Rhetorik nicht für die literarischeOeffentlichkeit von ihm bestimmt war. Helena hat bei Euripides in ihrerBertheidigungSrede geltend gemacht: nicht sie sei die Schuldige an dem Kriegs,Unheil, sondern ersten« die Eltern des Pari«, zweiten« die drei Göttinnen unddrittens ihr eigner Gemahl Menelav«. Von diesen drei Punkten läßt nunEuripides die Hekuba in ihrer Gegenrede den schwächsten zuerst herausgreisen,der die Mitschuld der Göttinnen betrifft.