Druckschrift 
2 (1891) Drei Bücher der Redekunst (Rhetorik)
Entstehung
Seite
296
Einzelbild herunterladen
 

296

Drittes Buch

Euripidcs sagte nämliäi:Der Ankläger selbst begehe hier ein Ver-brechen, indem er die bei dem dionustschcn Festwettstreite gefälltenEntscheidungen vor die Gerichte zu ziehen sich erlaube. Denn dorthabe er bereits für diese Worte Rede gestanden, oder werde er nocheinmal Rede stehn, wenn jener Lust habe, ihn dort anzuklagcn."

9. Ein anderes Verfahren besteht darin, daß man die Anschul-digung selbst zum Gegenstände der Anklage macht, daß man hervor-hebt, wie enorm sie sei, und wie dieses den Standpunkt der abzu-gebenden Urtheile der Richter gänzlich zu verändern suche, und daßder Gegner kein Vertrauen aus seine Sache haben müsse (wenn erzu solchen Berläumdungen greise). 10. Ein beiden Parteien ge-meinsames Verfahren besteht ferner darin, daß man bestätigende That-sachen beibringt. So z. B. macht imTeukros" 9 Odysseus geltend(um zu beweisen, daß Teukros den Trojanern geneigt sei):Teukrossei dem PriamoS blutsverwandt, denn Hesione sei ja eine Schwesterdes Priamos"; Teukros dagegen macht geltend, daß sein Vater Te-lamon dem Priamos Feind sei, und daß er selbst die Späher nichtverrathcn habe.

11. Ein anderes Verfahren, dessen sich der Anschuldigende mitVortheil bedienen kann, ist: während man Unbedeutendes lang undbreit lobt, Bedeutendes kurz und scharf zu tadeln, oder, nachdem manvon dem Gegner vieles Gute ausgesagt hat, einen einzigen Punkt,

diesen Zweck niedergesetzt und mit den Festbehvrden der Dionysien verbundenwar, Rede zu stehen hatte, sowie, daß eS ihm gciang, sich zu rechtfertigen. Daßtrotzdem sein Gegner die Beschuldigung aus'S Neue vorbrachrc, das bezeichnrteEuripideS in seiner Gegegcnrede als Unrecht, ja als ein Vergehen gegen dieBehörde, welche bereits ihre Entscheidung abgegeben hatte.

I) S. zu Buch II, Kap. 2Z, §. 7. Hesione war die Gattin TelamonS,des Vaters von Teukros (äpolloäor. III, I», 81 - Wie es scheint, suchte Odys-seus >n der verlornen Sophokleischen TragödieTeukros" diesen Helden al«im Einverständniß mit den Trojanern darzustellen.

Teukros wird bei Sophokles gesagt haben:wenn ich der Troer Freundwäre, so hätte ich ihnen sicher verrathen, daß die Hellenen Späher zu ihnenabzusenden beschlossen hätten, die sie dann hätten sangen und tödten mögen."DieSpäher" waren aber Odysseus und DiomedeS, die daiPalladivn" raub-ten, ohne dessen Besitz die Griechen Troja nicht erobern konnten <s. Virgil.Aen. II, IS5 ff.j und dazu die Anmerkung des SeroiuSj.