EinundzwanzigsteS Kapitel.
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13. Man darf sich der Sentenzen aber auch gegen die Ge-meinplätze bedienen (ich verstehe unter „Gemeinplätzen" solche wie dasbekannte „Erkenne dich selbst!" und „Nichts zu sehr!"), sobald da-durch entweder die Persönlichkeit des Redenden in ein besseres Lichtgesetzt wird, oder wenn die Sentenz ein Produkt leidenschaftlicher Auf-regung ist. Sie ist das letztere z. B. wenn Jemand im Zorne aus-ruft: es sei falsch, daß man darnach trachten müsse, sich selbst zu er-kennen , denn wenn dieser Mann ') gewußt hätte wie es um ihn stehe,so hätte er sich nimmermehr für fähig gehalten, den Oberbefehl zuübernehmen 2). J„ besserem Lichte zeigt sich die Persönlichkeit desRedenden, wenn er etwa sagte „Man muß nicht, wie der Gemein-platz lautet, so lieben, als wenn man sich gefaßt halten müßte, der-einst zu hassen, sondern vielmehr so hassen, als ob man sich gefaßthalten müßte, dereinst zu lieben." — 11. Dabei muß schon die Artund Weise des sprachlichen Ausdrucks die Ansicht des Redenden deut-lich in sich enthalten. Geht dies nicht an, so muß er die Motivirungausdrücklich hinzufügen, z. B. wenn man gesagt hat: „Man mußnicht so lieben, wie der bekannte Spruch lautet, sondern als ob manewig lieben sollte", so muß man hinzusehen: „denn jenes verräth einarglistiges Gemüth". Oder man drücke sich so aus: „mir gefällt derbekannte Gemeinplatz nicht, denn der wahre Freund muß so lieben,als ob er ewig lieben sollte". Ein anderes Beispiel ist: „auch derSpruch, Nichts zu sehr! hat meinen Beifall nicht, denn die Schlechtenkann man nicht zu sehr hassen".
15. Einen Haupivortheil für die Reden haben die Sinnsprüchezunächst dadurch, daß sie der mangelhaften Kultur der Zuhörer ent-sprechen. Diesen macht es nämlich Vergnügen, wenn ein Redner inAusstellung eines allgemeinen Satzes zufällig mit den Ansichten zu-sammen trifft, welche sie selbst im besonderen Falle hegen. Wie ickdas meine, wird aus Folgendem klar werden, und damit zugleich aucherhellen, auf welche Art und Weise der Redner die Ansichten und
1) Der Feldherr, für den der Redner spricht.
2) Men denke hinzu: „in welchem er doch so große Dinge geleistet hat".'
3) Vgl. die Anmerk, zu II. Knp. IZ. §. 4.