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Zweites Buch.
fall. Dies find nämlich alle die, in welchen der Grund des Aus-spruches zugleich durchblickt, wie z. B. in dem Spruche:
Nicht ewig zürnen darfst du, da du endlich bist!
Sagt man nämlich bloß: „der Mensch soll nicht ewig zürnen", so istdas ein Sinnspruch. Der Zusatz dagegen, „da er endlich ist", sprichtdas warum aus. Ein Spruch ähnlicher Art ist der:
Sterblich soll, wer sterblich, denken, nicht den cw'gen Göttern gleich!')
7. Aus dem Gesagten ist somit ersichtlich, wie viele Arten von Sinn-sprüchen es gibt und für welcherlei Inhalt eine jede paßt. Sindnämlich die ausgesprochenen Gedanken zweifelhaft oder paradox, sodarf der Sinnspruch nicht ohne erklärenden Zusatz sein, sondern derRedner muß denselben entweder vorausschicken und die daraus hervor-gehende Folgerung als Sinnspruch gebrauchen — wie z. B. wennman sagt: „Da man sich weder zum Gegenstände des Neides machen,noch sich der Trägheit ergeben soll, so bin ich meinerseits der Ansicht,daß man nicht wohl daran thut, seiner Bildung zu leben" ^); oder ermuß, wenn er diesen letzteren Gedanken zuerst ausspricht, demselbendie von uns vorausgeschickte Begründung folgen lassen. Sind aberdie Gedanken nicht paradox, sondern nur nicht allgemein geläufig, somuß der Redner ihre Begründung möglichst bündig hinzufügen.
') Die Dichter beider Sprüche sind uns »»bekannt, die Sprüche selbst,sofern sie als „Gnomen" bei den Alten gelten, gehen daranf, daß nur ein un-sterblicher Gott ewig zürnen dürfe, nicht ein sterblicher Mensch. In diesemSinne spielt noch Cicero in der Rede für den RabiniuS Posthumus auf denalten Wahrspruch an. Auch Ilorat. Oll, II, II. V. Il—12. und IV, 7. 7. ge-hört hierher mit der Wendung, daß der sterbliche Mensch sich nicht Gedankenund Sorgen auf'S Unendliche hinaus machen dürfe. Vgl. Pindar'S (JsthmischeSiegSgcs. V, 20.) „Sterbliches ziemt Sterblichen". Wie aber Aristoteles,der Philosoph nicht der Rhetoriker, den hier angeführten Satz benrtheilt,und in wie würdiger Weise er die niedrige und philisterhafte Anwendung,die demselben oft gegeben wurde, kritisirt, ersieht man aus seiner Nikvm.Ethik X, 7, §. 8.
2) Prosaischer Ausdruck des oben <§. 2) oon Aristoteles eitirten Euripi-deischen Ausspruchs.