Druckschrift 
2 (1891) Drei Bücher der Redekunst (Rhetorik)
Entstehung
Seite
165
Einzelbild herunterladen
 

Zwölftes Kapitel.

165

Spruch auf Amphiaraos heißt 7. Ferner sind sie nicht arg-müthig 2), sondern vielmehr gutmüthig, weil sie in ihrem Leben nochnicht viele Schlechtigkeiten gesehen haben, und ebenso find sie leicht-gläubig , weil sie noch nicht oft betrogen worden sind. 8. Auchhoffnungsreich find sie, denn das Feuer, das dem Zecher der Weingibt 3), hoben die Jünglinge von Natur, und dazu kommt denn auch,daß ihnen im Leben noch nicht Vieles fehlgeschlagen ist. Ja sie lebeneigentlich zumeist in Hoffnung, denn die Hoffnung geht aus das Zu-künftige , die Erinnerung dagegen auf das Vergangene, und für dieJugend ist die Zukunft lang, die Vergangenheit dagegen kurz; glaubtman doch am Morgen des Lebens, man habe an nichts zurückzudenken,zu hoffen dagegen Alles. Aus dem angegebenen Grunde sind sie da-her auch leicht zu täuschen, weil sie eben leicht hoffen. 9. Auch vor-zugsweise tapfer sind sie, eben weil sie zornmüthig und hoffnungsvollsind, und weil die erstere dieser beiden Eigenschaften sie furchtlos, dieletztere sie selbstvertrauend macht; denn kein Mensch, der sich im Zornebefindet, fürchtet sich, und die Hoffnung auf irgend ein Gut stärktdas muthige Selbstvertrauen.

10. Desgleichen sind sie der Empfindung der Scham zugänglich,denn sie denken noch nicht, daß etwas außerhalb des Kreises der sieumgebenden Sitte schön sein könne, sondern ihre Bildung beruht alleinauf dieser §). 11. Ferner sind sie hochherzig, denn sie find vondem Leben noch nicht kleingemacht, sondern unversucht vom Zwangeder Nothwendigkeit, und sich selbst zu großen Dingen befähigt haltenist Hochherzigkeit; das thut aber der Hoffnungsreiche.

1) DiesApophthegma" des PittakoS ist ans unbekannt.

2) LnxorsAkir, d. li. nicht geneigt, überall argwöhnisch, Schlimmes zusehen. Vgl. das folgende Kapitel § 3.

Der Wein, der Beleber aller Hoffnungen, Horat. Od. I, IS.

Die Zugend reslektirt nicht, sondern hält sich an die sie umgebendeSitte. Jede heutige Studentenverbindung mit ihren Ehrengeseheu und ihre»Commentvorfchriften liefert dazu den Kommentar. Daß cS auch eine andereEhre oder, wie Aristoteles sagt,anderes Schöne" geben könne, begreift sienoch nicht; sie hält sich an die äußere Autorität des Herkommens, des Brauchsund der Sitte.

11