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2 (1891) Drei Bücher der Redekunst (Rhetorik)
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Zweites Buch.

2. Wenn ichLeidenschaften" sage, so verstehe ich darunterZorn, Begierden und dergleichen, wovon wir im Vorigen gesprochenhaben; unterEigenschaften" verstehe ich Tugenden und Laster.Auch von diesen ist im Vorigen gesagt, welche Zwecke die Menschenin Folge derselben sich setzen und welche Handlungen sie ausführen. DieLebensalter" sind Jugend, Mannesalter und Greisen-alker. UnterGlücksumftänden" endlich verstehe ich Adel der Geburt,Reichthum, Macht aller Art und die Gegensätze davon, mit einemWorte Glück und Unglück der Lebensverhältnisse.

3. Was nun zunächst die jungen Leute angeht, so find sieheftig in ihrem Begehren und geneigt, das ins Werk zu setzen, wonachihr Begehren steht. Von den leiblichen Begierden sind cs vorzugs-weise die des Liebesgenusses, denen sie nachgehen, und in diesemPunkte sind sie ohne alle Selbstbeherrschung. 4. Dabei aber sindsie sehr veränderlich und leicht zum Ueberdrusse geneigt in ihren Be-gierden, sie begehren stürmisch und lassen schnell nach, denn der Reizihres Verlangens ist zwar scharf, aber nicht stark, wie bei den KrankenHunger- und Durstanwandlungcn. 5. Desgleichen sind sie zorn-müthig und leidenschaftlich aufwallend in ihrem Zorne, und geneigt,der Aufwallung zu folgen. Auch sind sie nicht im Stande, ihren Zornzu bemeistern, denn aus Ehrgeiz ertragen sie es nicht, sich gering-schätzig behandelt zu sehen, sondern sie empören sich, sobald sie sichbeleidigt glauben. 6. Ehrgeizig find sie gleichfalls, eigentlich abermehr fiegbegierig denn Obenaussein ist es, wonach die Jugendbegehrt, der Sieg aber ist eine Art von Obenaussein ^). Und zwarlieben sie dieses Beides mehr als Geld, das sie am wenigsten lieben,weil sieMangel noch nicht empfunden haben", wie es in PittakoS

Lebensalter und Glücksumstände ans das Verhalten der Menschen vgl. Dionys.Halic. Redekunst Kap. 2, §2 8. Quinctil. V, lv, 17. Ltlüc. dUcom. VIII,3. Hvrat. Dichtkunst V, IKI ff.

*) Verständlicher wärerechthaberisch", in dem Sinne des überall dieOberhand haben WvllcnS.

2) Das griechische Wort fürObenaussein", ist der Zustand,

die Verfassung, in welcher man eS einem Andern in irgend etwas zuvorthnt,sich über ihn erhoben empfindet.

D- h. Ehre und Sieg.