Druckschrift 
2 (1891) Drei Bücher der Redekunst (Rhetorik)
Entstehung
Seite
157
Einzelbild herunterladen
 

Neuntes Kapitel.

167

Menschen gilt das, was von jeher so war, als das Richtige, und darumalso haben in ihren Augen die Andern etwas, was ihnen nicht eignet.

11. Ferner, da nicht jedes Gut jedem Beliebigen angemessen ist,sondern eine gewisse Analogie und der Begriff des Angemessenen mitin Betracht kommt wie z. B. eine schöne Waffenrüstung nicht demGerechten zukommt, sondern dem Tapfern, und vornehme Heirath-verbindungen nicht reichen Emporkömmlingen, sondern Männern vonaltem Adel so erregt auch der Fall Indignation, wenn ein sonsttüchtiger Mann in den Besitz eines ihm nicht zupassenden Gutes ge-langt. Desgleichen wenn der Geringere dem Besseren den Rangstreitig macht, zumal wenn es in demselben geschieht, worin sie ebenungleich sind; daher heißt es auch:

Nur mit de», Ajax mied er dcu Kumpf, mit TelamonS Sohne,

Den» Zeus zürnte ihm stets, wenn den besseren Mann er bekämpfte*).

oder wenn dies nicht der Fall ist ^), auch dann, wenn der in jedemBetrachte Geringere dem Besseren den Rang bestreitet, z. B. der Mu-siker dem Gerechten. Denn die Gerechtigkeit ist etwas Besseres, alsdie Musik.

Hiermit wären denn die Fragen: über welche Menschen und auswelchen Ursachen man Indignation empfindet, hinreichend beantwortet,denn die Fälle sind die erwähnten und ähnliche.

12. WaS aber die Umstände und die Verfassung betrifft, inwelcher die Menschen zur Indignation geneigt sind, so ist dies dannder Fall, wenn sie selber der höchsten Güter würdig sind und dieselbenauch besitzen. Denn daß Leute, die nicht unsers Gleichen sind, dennochder gleichen Güter gewürdigt werden, widerstreitet der Gerechtigkeit.

13. Zweitens: wenn man gut und tüchtig ist, denn dann hat manein richtiges Urtheil und haßt alles Ungerechte. 11. Ferner wennman ehrbegierig ist und gewisse Thaten gern ausführen möchte, und

*) Homer Ilias XI, S4r 4Z. ES ist dort von HektorS Bruder Ke-brioneS die Rede.

D. h. wenn die Eigenschaft, in welcher sich der Eine mit dem Andernzu messen unternimmt, nicht ein und dieselbe ist.