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2 (1891) Drei Bücher der Redekunst (Rhetorik)
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ZweitrS Buch.

Neuntes Kapitel.

Der Empfindung des Mitleids zumeist ') entgegengesetzt ist dieEmpfindung, welche die Sprache mit dem Ausdrucke Indignation?)bezeichnet. Denn dem Sichbetrüben über unverdientes Unglück ent-spricht als Gegensatz in gewisser Beziehung und als Aeußerung der-selben sittlichen Gesinnung das Sichbetrüben über unverdientes Glück. 2. Und zwar find beides Affekte eines edlen Charakters; denn esist sittliche Pflicht, ebenso wie man mit den unverdient UnglücklichenMitgefühl und Mitleid empfindet, so sich über unverdientes Glück zuentrüsten, weil alles, was einem Menschen wider sein Verdienst ge-schieht, dem Begriffe der Gerechtigkeit widerspricht, darum legen wirauch den Göttern diese Eigenschaft der edlen Entrüstung bei.

3. Man könnte nun meinen, auch der Neid sei in derselbenWeise der Empfindung des Mitleids entgegengesetzt, insofern er derEmpfindung der Indignation nahe verwandt, ja mit ihr identisch sei;er ist aber in Wirklichkeit von ihr verschieden. Ein leidenschaftlichesUnlustgesühl ist nämlich allerdings auch der Neid, und zwar beziehtauch er sich aus das Glück eines Andern, aber nicht auf das einesUnwürdigen b), sondern auf das eines, der nach Berechtigung undStellung im Leben unsers Gleichen ist. Dagegen ist es uothwendiges

I) Zumeist; denn auch der Neid bildet, wie Aristoteles weiterhin be-merkt <s. § 3.), einen, wenn auch entfernter», Gegensatz zun. Mitleide. Vgl.Ltlllo. kUcoin. n, 7. 15. und Biese n. n. O. tl, S. 344.

Der von Aristoteles gebrauchte griechische AusdruckNemesis") undalS Verbum nemesän), abgeleitet von dem Verbum d. h. ertheilen

Ovovon auch das, was recht und billig ist, Gesetz) bedeutet die

Empfindung der gerechten sittlichen Entrüstung über unverdientes Glück einesUnwürdigen. Ein solches muß jeden Tüchtigen und Gute» nach der helleni-schen Ansicht mit sittlichem Zorne erfüllen, weil es alS eine Beleidigung dersittlichen Weltordnung erscheint, wenn de», schlechten Manne Glück zu Theilwird. Vgl. Aristoteles bull. dsle. II, 7, 15- und Magna Storni. I, 18. Per-svnifijirt erscheint die Nemesis als strafende Göttin, welche dieser EmpfindungAuSdrnck und Folge gibt.

3) Aristot. Magna Moral. I, 28.Der Neidische ärgert sich über dasGlück eine« Andern, mag dasselbe ein verdientes oder ein unverdiente« sein."