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2 (1891) Drei Bücher der Redekunst (Rhetorik)
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Zweites Buch. Sechstes Kapitel.

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lichkeit oder Feigheit die Ursache des Ertragens oder der ver-säumten Abwehr. So viel über die Dinge, worüber man sich schämt.

14. Da es nun aber eine Schmälerung der Meinung* ist,auf welche sich bei der Scham unsere Vorstellung bezieht, und zwarum dieser Schmälerung selbst und nicht um ihrer Folgen willen,und da ferner kein Mensch sich um die Meinung, welche man vonihm hat, aus einem andern Grunde kümmert, als um derer willen,welche jene Meinung hegen, so folgt daraus mit Notwendigkeit,daß jedermann sich vor denen schämt, auf die er etwas hält.15. Man hält aber etwas auf die, die uns Hochhalten oder die wirHochhalten oder von denen wir hochgehalten zu werden wünschenoder bei denen wir nach Geltung streben oder deren Meinung mannicht verachtet. 16. Hochgehalten zu werden wünscht man nunvon allen denen und hoch hält man alle diejenigen, welche irgendeines der allgemein geschätzten Güter besitzen oder von denen mangerade etwas überaus gern erlangen möchte, worüber sie zu ver-fügen haben, in welchem Falle z.B. die Verliebten find. 17. Gel-tung dagegen erstrebt man bei seinesgleichen und achtet dabei vor-zugsweise auf die Verständigen, als deren Urteil richtig sei; solchesind aber Männer von reiferem Alter und von gebildetem Geiste.18. Ferner schämt man sich in besonders hohem Grade vor demöffentlichen und vor AugenLiegenden, woher denn auch das Sprich-wort kommt, welches sagt,in den Augen wohne die Scham".Aus diesem Grunde schämt man sich vorzugsweise vor denen, dieuns im Leben beständig umgeben und vor denen, die uns ergebenund anhänglich sind. 19. Ferner schämt man sich vor denen,welche nicht mit uns in gleicher Schuld sind, denn solche habenoffenbar entgegengesetzte Grundsätze; desgleichen von denen, diegegen Leute, welche in ihren Augen sich etwas zu Schulden kommenlassen, nicht zum Vergeben geneigt sind; denn wenn inan im Lebensagt, daß einer das, was er selbst thut, auch seinem Nebenmenschcn

1. DeS Rufes, in dem wir stehen.

2. DaS im Texte von Aristoteles gebrauchte Futurum äel u«-

deutet an, daß man in Personen seiner allernächsten Lebens-uingcbnng sein ganzes Leben lang Zeugen der Handlung oder Situation,deren man sich schämt, zu haben gezwungen ist.