Zweites Buch. Drittes Kapitel.
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befindet, kann in uns kein Zorn aufkommen, weil es unmöglich ist,zu gleicher Zeit zu fürchten und zu zürnen? — 11. Auch denen,welche etwas in der Aufregung des Zornes gethan haben, zürntman entweder gar nicht oder doch minder, weil ihr Handeln unsin solchem Fall nicht aus Geringschätzung hervorgegangen erscheint.Denn niemand schätzt den gering, der ihn in Zorn versetzt, weilGeringschätzung nicht mit Unlust verbunden ist, während der Zornimmer von einer Empfindung von Unlust begleitet ist. Endlichzürnt man auch denen nicht, welche vor uns Ehrfurcht empfinden.
12. Was nun die Umstände anlangt, unter derenEinflusse manmilde ist, so ist man es offenbar dann, wenn man sich in einer demZornigsein entgegengesetzten Gemütsverfassung befindet, wie z. B.bei heiterem Spiele, beimLachen, beim Feste, an einem fröhlichenundglücklichen Tage, bei einem glücklichenErfolge, bei einerBefriedigung,mit einem Worte, in einem Zustande, wo nichts uns Unlust erregt,wo wir eine nicht zum Übermute sich steigernde Lust empfinden undberechtigte Hoffnungen hegen. Endlich: wenn wir über unseremZorne eine Zeit haben vergehen lassen und nicht mehr frisch unterseinerEinwirknngstehen, dennesstilltdieZeitdenZorn. 13. Ebensostillt die an einem anderen zuvor genommene Rache selbst einen nochstärkern Zorn gegen einen dritten. Daher war es sehr fein vomPhilo'krates 2 , daß er einem Manne, der ihn, als das athenischeVolk auf ihn erzürnt war, fragte: „Warumverteidigstdudichnicht?"zur Antwort gab: „Jetzt noch nicht!" — „Aber wann denn?" —„Wenn ich sehen werde, daß man einen andern angeschwürzt hat!"Denn die Menschen werden milde gestimmt, wenn sie ihren Zorn aneinem anderen ausgelassen haben, wie das z.B. demErgo'philos zugute kam. Denn obschon gegen diesen das Volk noch stärker auf-gebracht war, als gegen Kalliffthenes, sprach es ihn doch frei, weiles tags zuvor den Kallisthenes zum Tode verurteilt hatte. ^
1. Den Grund davon s. unten Rhetorik II, Kap. 12.
2. Attischer Redner, Zeitgenosse und politischerGegnerdesDemo'sthencs,der ihn als einen von Philipp von Makedonien erkauften Vaterlands-Verräter darstcllt. S. DemosthcneS, Rede über die Truggesandtschaft, S. 376.
3. ES handelt sich hier um spezielle Vorfälle der damaligen atheni-schen Zeitgeschichte, die wir nicht mehr kennen.