Druckschrift 
2 (1891) Drei Bücher der Redekunst (Rhetorik)
Entstehung
Seite
122
Einzelbild herunterladen
 

122

Aristoteles, Redekunst.

-

man in Zorn gerät, so sind es folgende. ^ Erstens diejenigen, welcheüber uns lachen, uns höhnen und spotten, denn sie behandeln uns da-durch übermütig. Ferner diejenigen, welche uns auf eine Art ver-letzen, welche den offenbaren Charakter des Übermutes trägt; dazugehören notwendig alle solche Verletzungen, welche weder als Ver-geltung dienen, noch dem Thäter Nutzen bringen, denn eben dannsagt jedermann, daß ihre Ursache Übermut ist. 13. Ferner die,welche über etwas schlecht und verächtlich sprechen, woraus wir dengrößten Wert legen, z. B. die, welche sich auf die Philosophie vielzu gute thun, werden zornig, wenn einer auf ihre Philosophie schilt,diebegeistertenJdeeenjünger, wenn einer gegen ihreIdee" spricht^,und ebenso in anderen Fällen. 14. Dies ist aber immer in um sohöheren Grade der Fall, wenn die An gegriffenen se lbst einstilles Bewußtsein davon haben, daß sie das, worein sieihre Ehre setzen, eigentlich nicht besitzen, und zwar ent-weder überhaupt nicht oder doch nicht fest und sicher oderdaß man dies wenigstens von ihnen glaubt. Sobald mandagegen sich im Vollbesitze dessen weiß, worüber manverspottet wird, kümmert man sich nicht um solchenSpott?

1. Aristoteles zählt hier im folgenden (§§ 1226) sechzehn ver-schiedene Kategorieen solcher Personen auf.

2. Mit leiser Ironie gegen die bekannte Empfindlichkeit der An-hänger Platons, eine Ironie, welche in den nächstfolgenden Worten nochschlagender zu Tage tritt, wo Aristoteles zu verstehen gibt, daß zornigeHeftigkeit in der philosophischen Polemik meist immer ein Zeichen davonsei, daß der Zornige sich selbst in seiner Sache nicht ganz sicher fühlt.Es gehört diese Stelle zu den feinenKathederwitzcn", die für die Zu-hörer des Philosophen um so anziehender waren, als sie die hier ge-meinten Persönlichkeiten leicht bei ihrer Kenntnis der philosophischen undlitterarischen Zeitpolemik supplieren konnten.

3. Goldene Worte, giltig für alle Zeiten und Menschen, und einsprechender Beweis für den großartigen Charakter des Aristoteles, dem indieser Beziehung unser Goethe am nächsten steht, der auch, gleichgiltiggegen alle Angriffe auf seine Poesie, die sein Lebensgebiet war, sich nurda zum Zorne reizen ließ, wo er, wie in der Naturwissenschaft, sich selbstnicht ganz zn Hause wußte. Dem Satze:Der wahre Besitz machtruhig" steht an sittlichem Adel ein anderer ebenbürtig zurSeite, den Aristotelesin seiner Politik von der Bescheidenheit der wahren G r ö ß e ausspricht.