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2 (1891) Drei Bücher der Redekunst (Rhetorik)
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121
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Zweites Buch. Zweites Kapitel.

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9. Aus dem Gesagten sieht man nun schon, unter welchen Um-ständen man zürnt und welchen Leuten und wegen welcher Art vonDingen. Was den ersten Punkt betrifft, so geraten wir in Zorn,wenn uns etwas wehe thut; denn wem etwas wehe thut, der verlangtnach etwas; und wenn ihm da jemand irgendwie, sei es geradezuoder auch nur mittelbar, in den Weg tritt zum Beispiel ihm, wenner durstig ist, zu trinken verwehrt, erscheint ihm dessen Handlungs-weise in ein und demselben Lichte. Und wenn uns da jemand direktentgegenwirkt oder auch nur nicht behülflich ist oder sonst irgendwieuns in solcher Verfassung ^ beschwerlich fällt so geraten wirallemal in Zorn. 10. Darum sind die Menschen im Zustande desLeidens, der Armut, des Liebesdranges, des Dürstens und miteinem Worte in allen Zuständen, wo sie nach etwas verlangen, ohneBefriedigung zu finden, zum Zorn und zum Aufwallen geneigt, undzwar hauptsächlich gegen die, welche ihren augenblicklichen Zustandgeringschätzig behandeln, wie z. B. ein Leidender gegen die, welcheseine Krankheit, ein Armer gegen die, welche seine Armut, einKrieg-führender gegen die, welche sein Kriegshandel, ein Liebender gegendie, welche seine Liebe gleichgiltig läßt, und so weiter; denn es istjedem in jedem dieser einzelnen Fälle der Weg zu seinen: Zorneschon gebahnt durch die bereits vorwaltende Leidenschaft.11. Ferner steigert sich der Zorn noch, wenn man zufällig in derLage ist, das Gegenteil ^ erwarten zu dürfen. Denn was stark gegenunser Erwarten geschieht, steigert unsere Schmerzempfindung geradeso, wie es unsere Freude steigert, wenn das, was ganz gegen unserErwarten geschieht, mit dem, was wir wünschen, zusammentrifft.

Hieraus erhellt wieder, welcheZeitmomenteundGelegenheitenDispositionen und Lebensalter der Erregung des Zornes günstigsind und wo und wann sie es sind, und daß jemehr sich jemand indiesen befindet, er um so leichter zum Zorne reizbar ist. Dasalso sind die Umstände und Verhältnisse, unter welchen man inZorn gerät.

12. Was aber die Fragenach denPcrsonen betrifft, über welche

1. D. h. wenn wir nach etwas verlangen.

2. D. h. das Gegenteil solcher Teilnahmlosigkeit.