Druckschrift 
2 (1891) Drei Bücher der Redekunst (Rhetorik)
Entstehung
Seite
108
Einzelbild herunterladen
 

108

Aristoteles, Redekunst.

Kritias von alters her zuchtlos gewesen sei, weil sonst sicherlichSolon nicht den Vers gedichtet haben würde:

Heißt mir den Rotkopf KritiaS doch dem Vater gehorchen!"*

14. Das wären denn also Zeugen für geschehene Dinge.Für die zukünftigen dagegen dienen als solche auch die Wahrsager,wie denn z. B. Themi'stokles dafür, daß man den Kampf mit denPersern zur Sce ausfechtenmüsse, dasOrakelwortvon derhölzernenMauer" geltend macht? Auch die Sprichwörter sind, wie gesagt^,Zeugnisse, z. B. wenn ein Redner raten will, mit einem Greisenicht Freundschaft zu schließen, mag er dafür den Spruch anführen:Mit Alten soll man's niemals halten!" und dafür, daß man auchdie Söhne aus dem Wege räumen müsse, wenn man deren Väteraus dem Wege geräumt habe, den Spruch:

Thor ist, welcher den Vater erschlug und die Söhne verschonet!"*

15. Zeitgenössische Zeugen sind alle angesehenen und be-

1. Über die Persönlichkeit dieses Kritias vgl. Köchly, AkademischeVorträge, S. 273ff.; 341. Aristoteles bezieht sich hier auf eine verlorengegangene Rede des athenischen Redners und Volksführers Kle'ophon, despolitischen Gegners von Kritias, dessen politische Stellung Köchly a. a. O.genauer charakterisiert. Kleophon fiel nach der entscheidenden Schlacht vonAigospo'tamoi als ein Opfer der oligarchischen Partei, welcher Kritias(einer der dreißig Tyrannen) angehörte. Der Solonische Vers ging aufeinen Ahnherrn der letzteren. Der hier erwähnte Kritias fiel im Kampfegegen Thrasybu'l und die Seinen im Jahre 403, nachdem er zuvor imechtDantonschen Geiste" (Koechly S. 339) durch massenhafte Hin-richtungen die Gewalt seiner Partei zu befestigen versucht hatte.

2. Aristoteles' Ausdrucksweise scheint fast auzudeutcn, daß es

eine geschriebene Rede von Thcmistokleö über diesen Gegenstand gab. Uberdie Sache vgl. Duncker, Geschichte des Altertums, IV, 748 ff.

3. Aristo'teles hat dies bisher nirgends gesagt. Die Stelle, auf welcheer sich bezieht, muß also ausgefallen sein, wenn nicht vielleicht die ganzeStelle vonauch die Sprichwörter" bisniemals halten" ein späteresEinschiebsel ist.

4. Nach dem Kirchenvater Clebnens von Alexandria, ist dies einVers des Ky'priers Stasi'nos, des Dichters derKyprischeu E'pen", jenesGedichts, welches die Begebenheiten des griechischen Rachekrieges gegen Tro'jabis zu dem Punkte besang, wo die J'lias beginnt. Der in jenem Verse ausge-