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Erstes Buch.
Begierde dagegen sind alle diejenigen, welche man in Folge einer be-stimmten Ansicht von denselben begehrt; denn viele Dinge begehrtman, sei cs zu schauen oder sei es zu erwerben, weil man davon ge-hört, und dem Gehörten glaubt.
6. Da nun das Lustempfinden in dem Wahrnehmcn eines ge-wissen Zustandes beruht, und da ferner die Vorstellung der Phan-tasie eine Art von abgeschwachter Wahrnehmung ist, so wird denMenschen auch beim Erinnern und Hoffen eine gewisse Phantasievor-stellung dessen begleiten, woran er sich erinnert und was er hofft. Istdieß der Fall, so ist es klar, daß der Mensch, auch wenn er sich erinnertund hofft, zugleich Lustempfindungcn genießt, so gewiß dabei Wahr-nehmung stattfindet. — Also muß nothwendig alles, was Lustgefühlerweckt, entweder in der Wahrnehmung von etwas Gegenwärtigem,oder in der Erinnerung an etwas Vergangenes, oder in dem Hoffenauf etwas Zukünftiges enthalten sein. Denn wahrgenommen wird dasGegenwärtige, erinnern thut man sich an das Vergangene, hoffen aufdas Zukünftige.
8. In der Erinnerung lust erweckend ist nun aber nichtblos alles dasjenige, was in der Gegenwart, zur Zeit als es gegen-wärtig war, angenehm war, sondern auch gar Manches nicht Ange-nehme, wenn das, was später darauf folgte, schön und gut war. Da-her es auch heißt '):
,.Süst ist'S, gerettet denke» überstandner Mühn!"und ebenso 2):
— Den» der seiden sogar erfreuet ei» Mann sich,
Wenn er gedenkt, wie viel er gethan und wie viel er gelitten."
der Grund hievon ist aber der, daß auch das bloße Freisein von einemUebel schon angenehm ist.
9. Lusterweckend in der Hoffnung dagegen ist Alles,was als Etwas angesehen wird, das, wenn cs uns zu Theil wird, unsgroßen Genuß und Nutzen, und zwar Nutzen ohneSchmerzcmpfindung
Bei Euripides in der verlorenen Tragödie Andromeda. S. Auslegerzu Cicero öe ?in!b. II, cp. 32.
2) Bei Homer Odyssee XV, 399.